Louison
I
»Mademoiselle!«
Mademoiselle schweigt. »Pardon – Mademoiselle!!«
»Monsieur?«
»Wollen Sie mit mir zu Abend essen?« Ich ging näher an die junge Dame heran. Sie lugte in meinen hochgeschlagenen Rockkragen hinein. Wir gingen zusammen weiter ... prüfend. Es war auf dem Boulevard de Clichy.
»Wo wollen Sie hin?« fragte ich. »Was haben Sie da in der Flasche?«
»Das ist Sprit.« Das junge Mädchen lachte. »Für meinen Brennapparat. Ich will nirgends hin.«
»Wollen wir in die ›Mühle‹ gehen, hm? Sie tanzen doch?«
»Ja–a. Nein. Nicht in die ›Mühle‹.«
»Weshalb nicht?«
Sie zeigte auf ihr bloßes Haar und lachte lautlos. »Können Sie nicht sehen, daß ich barhäuptig bin!«
»Ja, was weiter!« Ich schwieg und versank in Bewunderung über ihr prachtvolles, schwarzes Haar. Wir gingen an einer Laterne vorbei, und ich sah, daß mein Mädchen blaue Augen hatte.
»Was wollen wir dann tun – zum soupieren ist es noch zu früh.« Sie antwortete leichthin wie jemand, der Bescheid weiß:
»Einen Aperitif trinken.«
Ich bemächtigte mich des Armes der jungen Dame– wie sie hieße« Louison! – und wir spazierten wohlgemut zusammen weiter. Louison wechselte ein, zwei Mal den Fuß, um mit mir in Tritt zu kommen. Wir wichen den Leuten aus, und die Leute wichen uns aus. Ich versuchte Louison den Marsch zu erleichtern.
Ha ho! Ich prustete vor Entzücken Louisons zarten, warmen Arm in dem meinen zu halten. Ich empfand es ganz sonderbar, mal wieder die Wärme eines anderen Körpers zu spüren – nach so langer Zeit.
»Und Sie?« fragte Louison. – Nämlich, wie ich hieße. – »Sie sind Russe, nicht wahr?«
»Ja. Ja gewiß. Kasimir! Ich bin Maler.«
»Das hab' ich gleich gesehen,« meinte Louison. »Und ich bin Modell.«
Wir gingen in ein Café, das Louison kannte, und führten uns ein paar Gläser Aperitif zu Gemüte. Unsere leicht prüfende Haltung von vorhin, wich einem gegenseitigen Zutrauen. Der Kellner bediente uns fidel und distinguiert. Und das Café war gemütlich, der Fußboden war mit Sand bestreut, die Spiegel waren fleckig und die Marmortische hatten Messingnieten. Alles hier drinnen war abgenutzt und brauchbar befunden worden. Die häusliche Behaglichkeit wurde noch dadurch erhöht, daß der Kellner in Hemdsärmeln umherging.
Louison trank ihr Glas aus. »Jetzt wollen wir spazieren gehen,« schlug sie vor. – Ich legte ihr bedachtsam das Kape um die Schultern. Louison war schlank und ganz erwachsen, aber trotzdem von einer gewissen Unfertigkeit in den Formen. Sie bewegte sichmit etwas plumper Grazie – ungefähr wie eine junge Kuh.
Wir kamen wieder auf die Straße hinaus und schlenderten Arm in Arm weiter. Louison führte mit kleinen Püffen ihres Ellbogens an, und ich folgte, ich wußte nicht mehr, wo wir waren. Wie hätte ich mich auch in all den winkligen Gassen des Montmartre zurechtfinden sollen. Dabei plauderten wir unausgesetzt.
»... Schön,« sagte Louison. »Wir wollen aber nicht zu mir nach Hause gehen. Das ist zu weit. Aber das macht nichts. Sie nehmen mich mit in ein Hotel.«
»Hei! – Ja, natü