: Johannes Vilhelm Jensen
: Himmerlandsgeschichten
: Books on Demand
: 9783753424033
: 1
: CHF 0.90
:
: Hauptwerk vor 1945
: German
: 196
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Himmer andsgeschichten" ist eine 1898 erschienene Sammlung von zwölf Erzählungen des dänischen Schriftstellers Johannes Vilhelm Jensen. Der Originaltitel lautet"Himmerlandsfolk&q ot;. Johannes Vilhelm Jensen (geboren 20. Januar 1873 in Farsø, Jütland; gestorben 25. November 1950 in Kopenhagen) war ein dänischer Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises 1944. Er wuchs als Kind eines Tierarztes mit neun Geschwistern im himmerländischen Dorf Farsø auf. Eine seiner Schwestern war Thit Jensen, Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Jensen studierte Medizin, übte aber den Beruf nie aus. Schon während seiner Studiums schrieb er Abenteuer- und Dekadenzromane. Nach langen Reisen und Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Frankreich als Journalist fand Jensen seinen literarischen Stil. Sein lebensbejahender Optimismus wurde bald für die moderne dänische Literatur maßgeblich, Einflüsse von Walt Whitman und Rudyard Kipling sind für Jensens Gedichte bezeichnend. Der Einfluss von Charles Darwin fließt in Jensens Romanzyklus"Die lange Reise" ein, welcher die Entwicklung des nordischen Menschen bis zum 15. Jahrhundert schildert. Dabei bewegte er sich am Rande des Rassismus.

Eine Herbstnacht


Es war vor langen Jahren, an der Aalborger Straße, oben im Himmerland. Es war gegen zehn Uhr abends. In der Schenke saßen drei Gäste. Die Schenkstube war unfreundlich, durch die offne Tür sah man in die dicke Finsternis. Die drei Männer machten viel Lärm und schrieen laut und ließen die Krugdeckel klappern. Ihre Stimmen waren von Wind und Wetter rauh geworden. Drei starke, bärtige Kerle mit hohen Schaftstiefeln, Stoßdegen und Dolchen. Damals warb man die Kriegsleute an und hieß sie Landsknecht.

Die drei Männer wollten nach Aalborg zu dem Hauptmann, von dem sie Handgeld genommen hatten. Sie hatten bereits einen weiten Weg gemacht und sollten die ganze Nacht durch weitergehn. Drum ruhten sie in der Schenke aus und tranken Bier. Wahrscheinlich das dunkle Braunschweiger Bier, das Mumme heißt. Zwei waren alte Gesellen mit schimmeligem Bart, der dritte aber war jung und schlank und kraushaarig. Seine Stimme klang hell über dem Baß der Alten, und er lachte auch mehr. Auch aus seinen Flüchen schrie seine Jugend. Die andern zwei hatten eine einzige Gotteslästerung, er aber verschwendete aus einem reichen Vorrat. Die Landsknechte redeten unanständiges Zeug, und laut und lärmend. Das machte sie so erregt und eifrig, unddrum fluchte der junge Landsknecht so eilig. Das Gespräch war unanständig. Nun ja, es drehte sich eben um die Weiber. War's in damaligen Tagen doch auch nicht anders als heut.

Der junge Landsknecht prahlte mit heißen Umarmungen und legte um blasse Erinnerungen leuchtende Lobeskränze. Und wob das seidene Band der Wehmut hinein und schnalzte herausfordernd mit der Zunge dazu. Die zwei Alten saßen an ihrer Tischkante und gaben ihre Zweifel durch breites Gelächter zu erkennen.

Als sie am lautesten schrieen, kam der Wirt herein und bat sie ergebenst, die Stimmen zu dämpfen.

»Nix für ungut – aber, i hab halt a Kind, a krank's Kind; das kann den Lärm nit vertrag'n.«

Er bat in aller Sanftmut, um die Gäste nicht aufzubringen.

»Was hat denn dein Kind?« fragte einer der Landsknechte leiser.

Der Wirt dachte an die heilige Schrift und sagte feierlich, das Kind habe die fallende Sucht.

»Au!« sagte der junge Landsknecht, schnalzte mit den Fingern und drehte sich auf den Fersen um.

Dann sprachen sie leiser. Gegen elf Uhr zahlten sie ihre Zeche und setzten ihren Marsch fort. Als sie hinauskamen, hatte der Regen aufgehört, und der Mond schien auf den feuchten, weichen Weg.

Der junge Landsknecht war der letzte. Als er an einem der Fenster des niedrigen Hauses vorbeikam, sah er, daß drinnen Licht war. Eine Tür ging auf und der Wirt trat mit einem Licht in der Hand in die Stube. Die war klein. Im Bett lag jemand – der Landsknecht sah ein längliches, blasses Gesicht'l mit dunklem Haar um zwei dunkle Augen – ein verkümmertes Mädchengesichtlein. Er schritt am Fenster vorüber.

›Wird wohl die Kranke sein,‹ dachte er bei sich und eilte den beiden andern nach.

Der Wirt war Witwer und hatte nur diese einzige Tochter. Sie hieß Lisbeth. Sie war krank und elend, schon seit dem Frühling. Sie war ja nie sehr gesund gewesen; jetzt war sie sechzehn Jahr alt. Älter wurde sie wohl kaum.

Nachdem der Vater sie ein Weilchen betrachtet hatte, entfernte er sich, legte die große Stange vors Tor und verriegelte Türen und Fenster. Dann ging er zu Bett.

Es war