1. Einführung
1.1 Was ist Atemmeditation?
Atemmeditation entspannt Körper und Geist durch bewusstes, tiefes und langsames Ein- und Ausatmen. Die Atemmeditation steht im Gegensatz zu „geführten“ Meditationen, bei denen ein Sprecher1 entspannende Bilder oder Situationen suggeriert: etwa auf einer Sommerwiese liegend den Zug der Wolken beobachten, am Meer spazieren gehen und dem Rauschen der Wellen lauschen oder im Sessel liegend Schwere und Leichtigkeit spüren. Das sind entspannende Formen der Hypnose2, die mit Meditation die entspannende Wirkung gemeinsam haben.
Atemmeditation benötigt keine gesprochene Anleitung. Sie braucht lediglich die Bereitschaft, dem eigenen Atem aufmerksam zu lauschen, ihn zu spüren, manchmal zu verändern und dabei Denken und Fühlen kommen und gehen zu lassen. Wie das geht, beschreibe ich in diesem Buch.
Beschränkt habe ich mich auf Meditation, bei der man still und möglichst regungslos sitzt. Sie ermöglicht konzentrierte Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Atmung. Geh-, Tanz- und Musikmeditation stelle ich nicht vor. Darüber hinaus beschränke ich mich auf solche Formen der Meditation, die Sie ohne spirituelle oder religiöse Lehrer üben können.
1.2 Was bewirkt Atemmeditation?
Atemmeditation bewirkt innere Ruhe und Entspannung. Ruhe und Entspannung führen nach hinduistischem und buddhistischem Verständnis zu spiritueller Erleuchtung. Der Meditierende entscheidet, ob er bei Ruhe und Entspannung bleibt oder ob er nach Erleuchtung sucht.3 Das erste Ziel der Atemmeditation für Ruhe und Entspannung: das Bewusstsein von Gefühlen und Gedanken leeren.4 Eine Zen-Weisheit lautet: „Der leere Geist hat viele Möglichkeiten, der übervolle Geist nur wenige.“
1.3 Anleitung zum Selbststudium
Atemmeditation ist eine Fertigkeit, die man mit der Anleitung aus diesem Buch oder in einem Meditationskurs erlernt. Ich möchte eine Anleitung zum Selbststudium für Atemmeditation bieten. Meditation beschreibe ich so eingehend wie möglich, wie ich sie selbst übe und in meiner Praxis anleite. Einen spirituellen Lehrer dagegen braucht, wer sich meditierend den Lehren Buddhas öffnen möchte.5
Zen-Lehrer weisen gerne darauf hin, dass meisterliche Autodidakten in Sport und Musik selten sind.6 Dabei ist Meditation mit Sport und Musik nicht vergleichbar. Meditation ist eine Tätigkeit, die sich mit der Außenwahrnehmung des Lehrers nur bedingt erfassen lässt. Fehler in Haltung und Atmung kann ein Lehrer berichtigen. Das geistige Erleben dagegen bleibt dem Lehrer verborgen, es sei denn, der Schüler öffnet sich dem Lehrer.
Wer beim Meditieren auf belastende Erinnerungen oder Ängste stößt, ist bei einem Psychotherapeuten besser aufgehoben als bei einem Meditationslehrer, der in der Regel keine psychotherapeutische Erfahrung hat.
1.4 Meditieren ohne Buddhismus
Atemmeditation ist an keine Religion gebunden. Sie wird aber meist von Menschen beschrieben und gelehrt, die sich zum Buddhismus bekennen.
Meditation ist im buddhistisch-hinduistischen Kulturkreis ein spiritueller Weg zur Erleuchtung. Meine Absicht ist nicht, Ihnen diesen Weg zu ebnen. Ich bin Psychotherapeut (HP), kein spiritueller Lehrer. Ebenso wenig ist es meine Absicht, Ihnen den Weg zur Erleuchtung zu verbauen.