In den Uthlanden
Im Strudel
Im nächsten Moment fühlte sie sich in den Strudel des Sturms gerissen. Sie wurde hin – und hergeschleudert, drehte sich immer schneller um sich selbst. Dabei dröhnte der Orkan so ohrenbetäubend, dass sie sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte, wäre sie nicht in Bewegungsunfähigkeit erstarrt.
Von einem Moment auf den anderen folgte eine atemberaubende Stille – unheimlich! Was hatte das zu bedeuten? Sie wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Sie wollte schreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Sie spürte, dass sie sich nicht rühren konnte. Und plötzlich hörte sie Laute um sich herum und fühlte Fesseln um ihren Körper. Der Boden unter ihren Füßen bewegte sich.
»Wieso bin ich gefesselt? Was geschieht mit mir?«
Julia stand, festgebunden an einem Pfahl oder ähnlichem, als sie vorsichtig die Augen öffnete. Sie konnte nicht glauben, was sie sah. Bärtige Männer in Kleidung, die sie an die Störtebeker Festspiele an der Ostsee erinnerten, standen um sie herum. Einer von ihnen stach von den anderen heraus. Er trug eine graue Strumpfhose und dazu eine dreckbesuhlte, wohl ehemals blaue Jacke. Auch sein Bart war länger als der aller anderen. Es kam ihr so vor, als hielte er eine Rede, denn die Männer starrten wie gebannt auf seine Lippen. Nur ab und zu schaute der eine oder andere zu ihr, so dass sie das Gefühl hatte, der Redner bezog sich auf ihre Anwesenheit. Verstehen konnte sie nichts, auch wenn es ihr vorkam, als wäre es ein deutscher Dialekt.
War es Traum oder Wirklichkeit? Julia schaute sich um. Trotz der Dämmerung entdeckte sie vor sich ein Steuerhaus und einen Mast. Sie befand sich auf einem Schiff – an einen Mast gefesselt.
Ein schreckliches Unwetter tobte, es blitzte, donnerte und ein sintflutartiger Regen hatte sie bereits total durchnässt. Das alles kann doch nur ein Traum sein! Doch ihre weit aufgerissenen Augen widerlegten es. Alles um sie herum war Realität!
Panik ergriff sie. Etwas abseits der Männer um sie herum, die sie mit Blicken anstarrten, die zwischen Furcht und Wut lagen, stand ein blonder junger Mann, dessen muskulöser Oberkörper in einem verwaschenen Leinenhemd steckte. Im Gegensatz zu den anderen Gestalten um sie herum drückten seinen hellblaue Augen Mitgefühl aus.
Warum war er so anders? Doch das war jetzt nicht so wichtig, schließlich befand sie sich in einer ziemlich aussichtslosen Situation. Julia versuchte, ruhig zu bleiben und ihre Umgebung näher zu erfassen. Das Schiff schlingerte durch die Wellen, den Steuermann konnte sie nicht sehen. Doch nun verstummte die drohende Stimme hinter ihr und sie schaute in Panik wieder in die Richtung, wo der Jüngling gestanden hatte. Doch er war nicht mehr da.
Kurz darauf sah sie die Männer laufen, der Kapitän schrie Befehle und dann sah sie, dass eine Riesenwelle auf sie zukam. Im nächsten Moment gab es ein lautes Krachen. Es hörte sich an, als ob das Schiff aufgelaufen war. Ein Bersten lief durch den Rumpf. Männer wurden durch die Luft gewirbelt, Wasser überflutete das, was vorher das Deck gewesen war. Julia stand mittendrin, immer noch an den Mast gefesselt. Ihr Angstschrei blieb lautlos im Hals stecken.
Eine mörderische Woge stürzte sich auf die Schiffstrümmer. Wie ein Streichholz brach der Mast, wurde in den Fluten fortgerissen, hin