: Norbert Heinrich Holl
: Der weiße Weg
: Books on Demand
: 9783753411521
: 1
: CHF 6.10
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 308
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der weiße Weg: Für den kleinen Jungen, der bei seinem Onkel aufwächst und den alle »Topert« - den Tollpatsch - nennen, ist es ein Sehnsuchtsort, der ihn aus der Enge des Moseltals in ein spannendes Abenteuer führen soll. Und so hofft er, an seinem achten Geburtstag diesen Weg gemeinsam mit seinem Onkel und seiner Lieblingscousine gehen zu können. Doch das Leben geht einen anderen Weg; die Familie wird von Schicksalsschlägen tief erschüttert - nichts bleibt so, wie es soll. Je mehr sich der Junge von der Familiengeschichte lösen will, umso tiefer wird er darin verstrickt. Auch Internat und Studium können nichts ändern. Erst die Begegnung mit der ebenso schönen wie rätselhaften Veronika öffnet ihm die Augen - auch wenn ihm nicht alles gefällt, was er zu sehen bekommt ... »Der weiße Weg« ist als Coming of Age-Roman eine Parabel auf unerfüllte Sehnsüchte und ihren Einfluss auf den Lebensweg eines jungen Menschen. Nicht umsonst hat Norbert Heinrich Holl das beschauliche Moseltal als Ort der Handlung gewählt. Es scheint seine Bewohner mit einem unsichtbaren Band festzuhalten: Viele Versuche, auszubrechen, enden doch mit der Besinnung auf die Heimat. Denn: Nicht alle Träume können wahr werden --- und manchmal ist das auch besser so ...

Norbert Heinrich Holl studierte in Köln und Paris Jura, wechselte aber nach einer kurzen Zeit als Richter in Köln in den Auswärtigen Dienst. Sein Studium der arabischen Sprache am Middle East Center for Arabic Studies im Libanon schaffte die Voraussetzung für zehn Jahre diplomatische Dienste in verschiedenen islamischen Ländern. 1996 wurde er für zwei Jahre zum Leiter einer UN-Sondermission für Afghanistan berufen. Holl verbringt seinen Ruhestand in der Bretagne. Neben der Diplomatie gehörte seine Leidenschaft schon immer dem Lesen und Schreiben. 2002 berichtete er über seine Afghanistan-Erfahrungen (»Mission Afghanistan«). Es folgten Erzählungen und Romane. 2003»Besichtigung eines Wals« (Erzählungen) 2008»Von Leuten, die bei Tisch lesen« 2010»Normans Geheimnis« 2012»Der Lehrsatz des La Bruyère« 2014»Bretonische Tage« 2016»Das Rätsel der Wolkenschrift« (Zumbroths Ausfahrt ins Morgenland) 2017»Dhanyavad« 2018»Doppelfährte« 2019»Du und die polnischen Briefe« 2020»Die schöne Zena«

I


Erst eine Kanonenkugel. Dann ein Trompetenstoß. Dann der Böllerschuss. Vom Dorf dröhnte es über den Fluss zu uns herüber, gefolgt vom feierlichen Bronzeton der Kirchenglocke. Umständlich wurde ein neuer Tag angemeldet. Es war Punkt acht Uhr morgens.

Ich hauchte mir auf die Fingerspitzen, die zu Eiszapfen gefroren waren. »Aber wann gehen wir denn endlich?«, fragte ich ungeduldig die Frau, die neben mir auf dem Schieferboden kniete. Es war meine Tante Charlotte, die ihre Schuhspitzen in den Schotter aus Splitt und Erde gegraben hatte, um am lockeren Hang nicht abzurutschen. Unermüdlich schob sie den grünen Blecheimer vor sich her, bis an den nächsthöheren Weinstock, grub ihn mit der Kante in den Boden, damit er waagrecht stand, und pflückte mit beiden Händen. Gleichmäßig griff sie zu, um die prallen, von Nieselregen oder Reif bedeckten Trauben vom Stock zu klauben.

»Wann gehe ich wohin?« Sie fragte unwirsch zurück. Sie tat wahrhaftig, als sei sie von der Schufterei schwerhörig geworden. »Aber doch den weißen Weg«, sagte ich patzig. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass meine Tante sich nicht mehr an ihr Versprechen erinnerte. Der weiße Weg war keine leere Schotterpiste und keine pockennarbige Asphaltstraße. Er war etwas Besonderes. Man konnte ihn deutlich von unserem Berg aus sehen. Irgendwie schimmerte er so weiß wie die Milliarden Kirschblüten, die im Frühling die Landstraße nach Bernkastel säumten. Natürlich dachte ich auch an das geblümte Leinenkleid, das Isolde mir zuliebe trüge, wenn sie mit mir meinen Geburtstagsweg wandern würde.

»Aber da gibt es nix zu sehen«, wies Tante Charlotte mich zurecht und richtete den steifen Rücken auf. »Was der Junge nur