I
Erst eine Kanonenkugel. Dann ein Trompetenstoß. Dann der Böllerschuss. Vom Dorf dröhnte es über den Fluss zu uns herüber, gefolgt vom feierlichen Bronzeton der Kirchenglocke. Umständlich wurde ein neuer Tag angemeldet. Es war Punkt acht Uhr morgens.
Ich hauchte mir auf die Fingerspitzen, die zu Eiszapfen gefroren waren. »Aber wann gehen wir denn endlich?«, fragte ich ungeduldig die Frau, die neben mir auf dem Schieferboden kniete. Es war meine Tante Charlotte, die ihre Schuhspitzen in den Schotter aus Splitt und Erde gegraben hatte, um am lockeren Hang nicht abzurutschen. Unermüdlich schob sie den grünen Blecheimer vor sich her, bis an den nächsthöheren Weinstock, grub ihn mit der Kante in den Boden, damit er waagrecht stand, und pflückte mit beiden Händen. Gleichmäßig griff sie zu, um die prallen, von Nieselregen oder Reif bedeckten Trauben vom Stock zu klauben.
»Wann gehe ich wohin?« Sie fragte unwirsch zurück. Sie tat wahrhaftig, als sei sie von der Schufterei schwerhörig geworden. »Aber doch den weißen Weg«, sagte ich patzig. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass meine Tante sich nicht mehr an ihr Versprechen erinnerte. Der weiße Weg war keine leere Schotterpiste und keine pockennarbige Asphaltstraße. Er war etwas Besonderes. Man konnte ihn deutlich von unserem Berg aus sehen. Irgendwie schimmerte er so weiß wie die Milliarden Kirschblüten, die im Frühling die Landstraße nach Bernkastel säumten. Natürlich dachte ich auch an das geblümte Leinenkleid, das Isolde mir zuliebe trüge, wenn sie mit mir meinen Geburtstagsweg wandern würde.
»Aber da gibt es nix zu sehen«, wies Tante Charlotte mich zurecht und richtete den steifen Rücken auf. »Was der Junge nur