: George Bernard Shaw
: Der Amateur-Sozialist
: Books on Demand
: 9783753420882
: 1
: CHF 0.90
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 382
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Der Amateur-Sozialist" ist ein 1883 erschienener Roman des irischen Schriftstellers George Bernard Shaw. Der Originaltitel lautet"An Unsocial Socialist". George Bernard Shaw, meist auf eigenen Wunsch nur Bernard Shaw genannt (geboren 26. Juli 1856 in Dublin, Irland; gestorben 2. November 1950 in Ayot Saint Lawrence, England), war ein irischer Dramatiker, Politiker, Satiriker, Musikkritiker und Pazifist, der 1925 den Nobelpreis für Literatur und 1939 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt.

Erstes Kapitel


In der Dämmerung eines Oktoberabends trat eine nervös aussehende Frau von etwa vierzig Jahren durch eine Eichenholztür auf einen breiten Flur, der sich im ersten Stockwerk eines alten englischen Landhauses befand. Eine Haarlocke war über ihre Stirne gefallen, als ob sie tiefgebückt beim Lesen oder Schreiben gesessen hätte, und sie stand jetzt einen Augenblick still, um sie zurückzustreichen, und starrte nachdenklich – aber durchaus nicht träumerisch – durch das hohe, schmale Fenster. Von der Pracht des Sonnenuntergangs konnte sie nichts sehen, denn dieses Fenster ging nach Osten zu, wo die Landschaft mit ihren Schaftriften und Weidegründen langsam in dem trüben, grauen Dunkel versank.

Die Dame blieb eine Zeitlang unschlüssig auf dem Flur stehen, wie jemand, der nur selten Ruhe und Frieden genießen kann. Dann ging sie auf eine andere Tür zu, auf der in weißen Buchstaben »Klassenzimmer Nr. 6« geschrieben stand. An der Schwelle machte sie aber wieder halt, da sie im oberen Stockwerk eine flüsternde Stimme hörte, und blickte vorsichtig an dem breiten, runden Geländer hinauf, das in einer ununterbrochenen Kurve und in gleichmäßiger Neigung durch alle Stockwerk, des Hauses lief.

Eine jugendliche Stimme, die offenbar jemand nachäffte, erscholl jetzt von oben. »Bitte, meine Damen, wir gehen nunmehr zu denÉtudes de la vélocité über.«

In demselben Augenblick schoß ein Mädchen in einem Leinenkleid an dem Geländer herunter. Sie wirbelte in furchtlosem Schwung um die Kurve und verschwand unten in der Dunkelheit. Ein stattliches Mädchen in Grün, das beim Abwärtsgleiten ängstlich den Atem anhielt, folgte ihr, und dann kam eine schon fast erwachsene Dame in Schwarz, die mit den Zähnen auf ihre Unterlippe biß und entsetzt ihre schönen braunen Augen aufriß. Ihr Flug erregte einen Miniatursturmwind, der die Haare der Dame auf dem Flur von neuem in Unordnung brachte. In atemloser Aufregung wartete sie, bis ein zweimaliges leichtes Aufspringen und ein schwereres Hinplumpsen des großen Mädchens ihr zeigten, daß die Luftschifferinnen glücklich im Hausflur gelandet waren.

»Himmel!« rief die Stimme, die auch vorhin gesprochen hatte. »Da ist Susanna.«

»Sie können Gott danken, daß Sie nicht den Hals gebrochen haben,« entgegnete eine aufgeregte Stimme. »Diesmal erzähl ich es, Miß Wylie! Wirklich, ich tu es. Und Sie, Miß Carpenter: ich wundere mich, daß Sie bei Ihrem Alter und Ihrer Größe nicht mehr Vernunft haben! Miß Wilson muß Sie ja hören,