I
Weltgeschichte zu machen bedeutet oft bloß, eine endlose Reihe langweiliger Tage ertragen zu können, denkt der Admiral des Ozeanischen Meeres und kratzt sich am Stoppelbartkinn. Übellaunig stapft er durch den schmutzigen Sand am zerlöcherten, modernden Rumpf der Capitana entlang zu den Palisaden, wo die Leute in größtmöglichem Abstand zum Lager ein Latrinenhäuschen gebaut haben. Christoph Kolumbus öffnet den Verschlag und springt, wie vom Skorpion gestochen, drei Schritte zurück. Sein Gesichtsausdruck: fassungslos angeekelt. Der Zustand der Latrine ist derart, dass … aber lassen wir das. Niemand bezahlt viel Geld für ein Buch, um dann solche Sauereien zu lesen.
Gut, besinnt sich der große Admiral, man muss gerechterweise bedenken, dass Seemänner, die es jahrein, jahraus gewohnt sind, ihre Hintern schlicht über die Reling zu hängen, deren Abort sozusagen der endlose Ozean ist, sich an die Begrenztheit einer solchen Landlatrine erst gewöhnen müssen. Oder auch, dass eine einzige Latrine doch zu wenig ist für 60 verwahrlosende, schmutzige Männer. Trotzdem. Das hier, das ist respektlos. Eine Unverschämtheit. Sie wissen doch, dass auch er, der Admiral des Ozeanischen Meeres und Vizekönig aller von ihm entdeckten Reiche, gelegentlich hierherkommt, zwangsläufig und naturgetrieben hierherkommen muss. Darf man da nicht ein bisschen Respekt erwarten?
Ohne noch einmal auf das Entsetzliche zu blicken, beschließt Kolumbus, dass sein Harndrang doch stark nachgelassen hat, und stapft durch den Schmutzsand – Schmutz ist überall, wirklich überall – zurück zur Capitana. Weltgeschichte zu machen bedeutet oft, eine endlose Reihe langweiliger Tage und widrigster Umstände ertragen zu können, modifiziert er seinen schönen Leitsatz. Widrigste Umstände wie versaute Latrinen, stinkende Baumratten an Garnichts als Nachtmahl, Schwaden von Schweißgestank, undankbares, dauermaulendes Personal, rebellierende Nichtskönner und Besserwisser, Indianerpfeile und natürlich die Hitze. Diese unerträgliche, lähmende Hitze. Alles schwitzt und klebt. Eine Heimsuchung.
Schon jetzt, am frühen Morgen, ist es viel zu heiß. Kein Lüftchen regt sich. Das Wasser in der weiten Bucht ist glatt und träge, ölig fast, wie verklebt von widerlicher Hitze. Der Himmel gnadenlos blau. Auch heute wird ihm – wie gestern und vorgestern und all die Tage davor – wenig anderes übrig bleiben, als in den Schutz seiner kleinen Hütte auf dem Oberdeck zu kriechen, dort schwitzend und schnaufend die Stunden zu verplempern und dem unzweifelhaften Höhepunkt des Tages entgegenzufiebern: ein Stück gegrillte Baumratte, am Abend, wenn die Sonne gesunken ist und es hoffentlich etwas kühler wird. Ein Tag wie all die anderen Tage. Trostlos.
Nicht zu vergessen die Gespräche. Er kennt seinen Text auswendig. Er wird sagen, dass die Retter unterwegs sind. Ganz sicher sind sie das. Vor hundert Tagen ist Méndez nach Hispaniola aufgebrochen. Selbstverständlich hat er die Überfahrt geschafft, keine Frage, Diego Méndez ist schließlich ein Held. Wie oft hat er das auf dieser elenden Reise schon bewiesen, wie oft seine Kameraden aus Gefahren gerettet, die ungleich größer waren. Erinnert euch, Leute, wie unser tapferer Méndez an jener schrecklichen Küste den Weg für uns freischlug, als uns die Wilden einzukreisen drohten. Ohne ihn,