Klärungsorientierte Psychotherapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung
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Rainer Sachse, Jana Fasbender, Janine Breil, Meike Sachse
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Klärungsorientierte Psychotherapie der histrionischen Persönlichkeitsstörung
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Hogrefe Verlag GmbH& Co. KG
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9783840931192
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Praxis der Psychotherapie von Persönlichkeitsstörungen
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2
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CHF 19.90
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Psychologie
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German
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157
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Die histrionische Persönlichkeitsstörung stellt besondere Anforderungen an die therapeutische Expertise. Die Störung ist hoch ich-synton, so dass die Personen oft keine Veranlassung zu einer konstruktiven therapeutischen Mitarbeit sehen. Dieses Buch vermittelt vielfach erprobte, erfolgreiche Strategien zum Umgang mit dieser Herausforderung. Ausgehend von einem psychologischen Funktionsmodell der histrionischen Störung werden zwei Arten unterschieden: Die erfolgreichen und die erfolglosen Histrioniker_innen. Für beide wird beschrieben, welche Charakteristika die Störung aufweist und welche therapeutischen Probleme zu erwarten sind. Es werden therapeutische Prinzipien beschrieben wie die komplementäre Beziehungsgestaltung, Konfrontation, Klärung relevanter Schemata und die Bearbeitung von Alienation. Es wird aber auch auf spezifische therapeutische Strategien für beide Störungstypen eingegangen. Mögliche schwierige Interaktionssituationen werden dargestellt und therapeutische Bewältigungsstrategien dafür werden erörtert.
4 Therapeutische Strategien bei histrionischer Persönlichkeitsstörung
In diesem Kapitel stellen wir die therapeutischen Strategien zur Behandlung der histrionischen Persönlichkeitsstörung vor, um dann noch mal gesondert auf die Besonderheiten bei erfolglosen Histrionikern einzugehen.
Wenn Therapeuten wissen wie, dann lässt sich die histrionische Persönlichkeitsstörung, vor allem in ihrer erfolgreichen Variante, sehr gut und sehr effektiv therapieren. Wie unsere Untersuchungen ergeben haben, erzielt KOP bei histrionischer Störung hohe Effektstärken (Sachse et al., 2019).
Um effektiv zu therapieren, ist es nötig, eine ausgeprägte komplementäre Beziehungsgestaltung zu realisieren, Tests zu bestehen, Konfrontationen zu machen und dann mit den daraus resultierenden interaktionellen Krisen konstruktiv umzugehen und effektiv Schemata zu klären. Die Therapie mit Histrionikern stellt damit hohe Anforderungen an die Expertise des Therapeuten; hat man allerdings diese Expertise als Therapeut, dann macht die Therapie großen Spaß, denn sie ist dynamisch, nie langweilig und herausfordernd (vgl. Sachse, 1999, 2001b, 2002, 2004b, 2004d, 2005a, 2006a).
4.1 Therapeutische Grundhaltungen
Wie bei allen Persönlichkeitsstörungen, so ist es auch hier erforderlich, dass ein Therapeut seine relevanten Schemata gut kennt und gut unter Kontrolle hat: Er sollte in der Lage sein, die Tests, die Dramatik, das Jammern usw. als Teil der Störung wahrzunehmen und nicht als persönliche Sabotage; er muss in der Lage sein, geduldig zu sein, aber trotzdem konstruktiv zu steuern; er muss konfrontieren können und sollte keine Angst haben vor interaktionellen Krisen („konfliktscheue“ Therapeuten haben hier meist Probleme).
Hilfreich ist es, den histrionischen Stil zu mögen und angenehm zu finden; wichtig sind vor allem Haltungen wie Respekt, Empathie und die Fähigkeit, sich völlig auf den Interaktionspartner konzentrieren zu können.
Gerade bei erfolglosen Histrionikern ist es wichtig, sehr geduldig sein zu können und dem Klienten viel Raum zu geben und ihn nicht unter Druck zu setzen. Therapeuten sollten hier auch nicht auf die double-bind-Botschaften reagieren und anfangen, hektisch zu werden. Man muss sich als Therapeut klar machen, dass man zu allererst eine komplementäre Beziehung anbieten muss und ansonsten relativ wenig tun kann, weil der Klient dies nicht zulässt. Man muss nicht schnell machen, man muss den Klienten nicht retten oder erlösen, man muss keine Programme anbieten o. ä. Man könnte dem Therapeuten sagen: „Von allem Druck befreie Deinen Geist.“ Unserer Erfahrung nach ist es hilfreich, wenn man als Therapeut ganz entspannt und gelassen bleiben kann, aber voll konzentriert und aufmerksam ist. Man weiß: Der Klient wird und muss jammern und man tut gut daran, ihm dies zu lassen und darauf stark komplementär zu reagieren.
Und noch etwas sollte sich der Therapeut immer vor Augen halten: In der Biographie haben die Klienten gelernt, dass sie durch authentisches Handeln nicht das bekommen, was sie brauchen. Sie haben sich daher authentisches Handeln „abgewöhnt“, manchmal verlernt. In manchen Fällen sind sie sogar für authentisches Handeln bestraft worden und dann haben sie eventuell sogar Angst vor authentischem Handeln.
Dies wissend kann ein Therapeut dann ganz offenbar nicht erwarten, dass ein HIS-Klient ihm offen sagt, was sein Problem ist (selbst, wenn er es überhaupt repräsentiert hätte). Er kann nicht einfach deutlich machen, was er möchte (was er zudem oft auch gar nicht weiß). Vielmehr haben die Klienten viele manipulative Strategien gelernt, hinter denen sie das, was sie „wirklich“ wollen, denken und fühlen, verbergen. Kommt nun ein Klient mit dieser Struktur zum Therapeuten, dann hat er ein Problem; er leidet unter vielen Aspekten. Er kann aber nicht offen kommunizieren, was sein Problem ist, sondern baut erst einmal eine Fassade von Images auf. Und das ist es, was der Therapeut als Erstes sieht: Images, Dramatik, Spiele, unauthentisches Handeln. Ganz offensichtlich sollte das den Therapeuten aber nicht dazu veranlassen, „darauf hineinzufallen“. Der Klient ist nicht diese Fassade, er hat sie gelernt und er kann nicht mehr anders, als sie zu demonstrieren. Aber: Hinter der Fassade, der Dramatik, den Spielen, den Tests usw. steht eine reale Person, ein reales Leiden! Die Aufgabe des Therapeuten ist es, das zu erkennen und dem Klienten zu helfen, das auch zu erkennen.
Der Therapeut sollte sich von dem „unauthentischen Handeln“ des Klienten nicht abschrecken lassen: Die Klienten machen das eben nicht mit „Absicht“, sie machen es nicht, um den Therapeuten zu ärgern oder zu sabotieren. Sie machen es, weil es Teil ihres Problems ist! Also muss sich der Therapeut auf den Klienten einstellen, er muss den Klienten langsam dazu anleiten, seine Perspektive zu ändern, seine Strukturen zu erkennen und eine Motivation zu entwickeln, sie zu ändern.
Inhaltsverzeichnis
7
1Einleitung
11
2Histrionische Persönlichkeitsstörung: Konzept und Diagnostik
12
2.1Was sind Histrioniker: Eine Beschreibung der Störung im Überblick
12
2.2Zur Definition der histrionischen Persönlichkeitsstörung
14
2.3Entstehung der histrionischen Persönlichkeitsstörung
21
3Störungstheorie – Ein psychologisches Modell der histrionischen Persönlichkeitsstörung
22
3.1Motivebene
23
3.2Schemaebene
23
3.3Spielebene
25
3.4Das Modell der doppelten Handlungsregulation im Überblick
35
3.5Weitere Aspekte der histrionischen Persönlichkeitsstörung
35
3.6Untergruppen der histrionischen Persönlichkeitsstörung
39
3.7Exkurs: Vergleich von histrionischer und narzisstischer Störung
44
4Therapeutische Strategien bei histrionischer Persönlichkeitsstörung
46
4.1Therapeutische Grundhaltungen
46
4.2Die Therapiephasen im Überblick
48
4.3Phase 1: Aufbau von Beziehungskredit
49
4.4Phase 2: Aufbau von Änderungsmotivation durch Transparentmachen der Spielstruktur
67
4.5Phase 3: Klärung relevanter Schemata
72
4.6Phase 4: Bearbeitung der Schemata
74
4.7Phase 5: Aufbau authentischen Verhaltens und Transfer in den Alltag
74
4.8Alienation und ihre therapeutische Bearbeitung
75
4.9Therapeutische Strategien bei erfolglosen Histrionikern
81
4.10Fazit
84
5Beispiele für therapeutische Vorgehensweisen bei Histrionikern
85
5.1Komplementäres Handeln
85
5.2Konfrontatives Handeln
98
5.3 Schema-Bearbeitung
109
6 Therapeutischer Umgang mit schwierigen Interaktionssituationen
126
6.1 Umgang mit manipulativen Strategien zu Therapiebeginn
126
6.2 Zum therapeutischen Umgang mit histrionischem Testverhalten
131
7 Therapeutischer Umgang mit erfolglosen Histrionikern
141
7.1 Das Transkript
141
7.2 Kommentar
145
Literatur
149