Draußen tobte wütend der Wind und klatschte Fetzen von welkem Laub gegen die Scheibe. Pralle Regentropfen, von Böen getrieben, zerbarsten vor ihren Augen in unzählige Teile. Fasziniert beobachtete Rieke dieses Schauspiel, und nicht zum ersten Mal fragte sie sich, weshalb sie im Winter geboren war und nicht im Herbst. Sie liebte den Herbst. Sie mochte den kristallklaren Morgen im Oktober, wenn der Himmel wie blankgeputzt war und die Sonne alles in schreiend rote und braune Farben tauchte. Auch durch den geheimnisvollen Novembernebel lief sie gerne, der beinahe alle Geräusche verschluckte und der einem das Gefühl gab, alleine auf der Welt zu sein. Vor allem aber liebte sie den Herbststurm, der die Wolken vor sich herjagte und die Kronen der Bäume zu einem wilden Tanz zwang. Wenn sie ihm dabei zusah, hatte sie das Gefühl, ein Teil dieses unbändigen Spiels zu sein. Und in ihr regte sich die unerklärliche Sehnsucht, sich aufzulösen und mit dem Wind davonzuziehen.
In diesem Jahr war der Herbst ganz plötzlich und mit unerwarteter Heftigkeit hereingebrochen. Keiner hatte eine Erklärung dafür, auch nicht der Wetterdienst. Es war nicht einmal Mitte Oktober, und schon jetzt hatten die Bäume einen Großteil ihres Laubs verloren. Der Wald, der hinter dem Haus begann, war übersät von abgebrochenen Zweigen und es schien, als wären die Herbststürme noch lange nicht erschöpft.
Sobald das Tosen für einen Augenblick nachließ, konnte Rieke das Klavierspiel aus dem Erdgeschoss hören. Henni, ihre jüngste Schwester, übte ein neues Stück und war kaum von dem Instrument wegzuholen. Es sei denn, es ging um Mathe oder um die Band, in der sie vor einigen Wochen als Sängerin und Keyboarderin aufgenommen worden war.
„Essen ist fertig!“, rief ihr Vater herauf. Rieke verzog das Gesicht und wandte sich vom Fenster ab. Sie hatte weder Hunger noch Appetit. Ihr Blick fiel auf Rusty. Der kleine Hund, der sich auf ihrem Bett zusammengerollt hatte, hob den Kopf und sah sie mit seinen klugen Augen aufmerksam an. Das WortEssen kannte er sehr gut, und er wusste, dass sie seinen Napf füllen würde, sobald sie unten waren. Am liebsten würde sie sich neben ihn legen, dem Sturm zuhören und darauf warten, dass sie einschlief. Sie wusste jedoch, dass ihre Familie sie zum Essen holen