Vorwort –
Der Schöpfer war ein Käfernarr
Oder: Die drei Mysterien der Biologie
Es ist sicher nicht die Schuld der Käfer! Zwar kennen wir ziemlich präzise die Zahl der Sterne in einer Spiralgalaxie wie der Milchstraße, die Zahl der Gene in einem Virus, und wir wissen auch, welche Masse ein Elektron hat. Ebenso präzise können wir die Zahl sämtlicher Bücher in der berühmten Kongress-Bibliothek in Washington angeben. Doch niemand hat die derzeit lebenden Tier- und Pflanzenarten auf unserem Planeten genau gezählt – oder kennt gar die Arten in einer einzelnen Insektengruppe wie den Käfern.
Dabei leben wir gewissermaßen im Zeitalter der Käfer; ja, diesen Sechsbeinern gehört im Grunde die Welt. Schätzungsweise eine Million Arten gibt es allein von ihnen. Kaum einen Ort auf der Erde haben die anpassungsfähigen Krabbler unbesiedelt gelassen; wie keine andere Tiergruppe demonstrieren sie biologische Vielfalt mit all ihren vielgestaltigen und farbenfrohen Facetten. Unter Biosystematikern – die sich von Berufs wegen mit der Erfassung und Ordnung dieser Lebensvielfalt beschäftigen – kursiert daher das Bonmot, der Schöpfer müsse wohl bis zum Exzess ausgerechnet in Käfer vernarrt gewesen sein.
Nicht wenige Biologen haben über das Käfersammeln zu ihrer Profession gefunden; einige namhafte Naturforscher entwickelten sogar am Beispiel einzelner Käfer wichtige Theorien und lieferten grundlegende Beiträge. Kein Geringerer als der britische Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) war während seiner Studienzeit leidenschaftlicher Käfersammler. Letztlich war es diese Passion für die Gepanzerten, die ihn 1831 auf das Vermessungs- und ForschungsschiffBeagle brachte und zu einer fünfjährigen Weltreise führte – und so verhinderte, dass er Landpfarrer wurde, wie es ihm sein Vater nach einem abgebrochenen Medizinstudium geraten hatte. Stattdessen bescherte Darwin der Welt nach seiner Rückkehr eines der fundamentalsten naturwissenschaftlichen Gedankengebäude – jene Theorie der Evolution durch natürliche Selektion, die uns heute auf entscheidende Weise dabei hilft, die belebte Natur um uns herum besser zu verstehen.
Mit diesem Verständnis ist es indes nicht so weit her wie meist angenommen. Unsere Ignoranz gegenüber der belebten Natur erweist sich in höchstem Maße besorgniserregend, denn sie ist ebenso grenzenlos wie die Zahl der Arten auf der Erde. Tatsächlich krankt unser Naturverständnis in vielen Bereichen noch immer daran, dass gleich drei grundsätzliche Fragen der Biologie einer Beantwortung harren, die ich als diedrei großen Mysterien der Biodiversitätsforschung beschrieben habe. Wer über Biodiversität – und damit über die Entstehung, die Erforschung sowie den Schutz der Vielfalt biologischer Arten – redet (und das tun inzwischen nicht nur Biologen, sondern Politiker weltweit), der musserstens wissen, wie viele dieser Arten es auf der Erde gibt,zweitens, was Arten eigentlich sind, unddrittens, wie Arten entstehen. Doch alle drei Fragen entziehen sich bis heute, am Beginn unserer zum Jahrhundert der Biologie deklarierten Zeit, hartnäckig und ungeachtet vieler Ansätze einer befriedigenden Antwort. Das erstaunt, denn bereits Charles Darwin bezeichnete das Artproblem als »defining the undefinable« und die Suche nach den Mechanismen der Artenbildung als »mystery of the mysteries«.
Das Mysterium der Artenzahl: Beginnen wir mit der Frage nach der Artenzahl. Für den schwedischen Mediziner und Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) war die Sache Mitte des 18. Jahrhunderts noch recht überschaubar; dabei muss er geahnt haben, dass es nicht leicht wird. In der ersten Auflage seinerSystema naturae, einem Verzeichnis aller damals bekannten Pflanzen und Tiere, benannte Linné 1735 gerade einmal 549 Tierarten. Er bediente sich dabei der so genannten binären Nomenklatur. Diese Art der biologischen Benennung hat er zwar nicht erfunden, aber – ihren didaktischen