: Monique Kreis
: Aussenstation Aus dem Nest gefallen
: swiboo.ch
: 9783907106556
: 1
: CHF 12.30
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 588
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Roman erzählt die Geschichte von Anna, die im Alter von sieben Jahren an Polio erkrankt und schwer gelähmt bleibt. Sie verbringt ihre ganze Jugend in Rehaeinrichtungen. In der Aussenstation lebt sie in einem bunten Mikrokosmos mit Mitpatientinnen und Pflegepersonal aus allen Ländern der Erde. Sie verehrt und fürchtet die leitende Ärztin, die ihr tägliches Leben bestimmt. Weil sie viel liest und Freundschaften pflegt, öffnen sich ihr oft neue Türen. Als eranwachsendes junges Mädchen erkennt Anna, dass das Leben einmalig und unbedingt lebenswert ist.

Kapitel 1

«Stehen sollen die Kinder wieder lernen, um jeden Preis! Stehen und gehen!»

Frau Doktor Emmerich trommelte mit ihren Fingern auf den grossen Holzschreibtisch, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

«Das verlangen die Eltern der Kinder, auch die Versicherungen und nicht zuletzt der Professor, Professor Rossini.»

«Mit Schienen, Apparaten, Geräten – nur wenigstens stehen müssen sie können?», stellte fragend die Physiotherapeutin Brenda Fisher fest.

«Ja, das wird von uns erwartet, verlangt! Wir sind eine Reha!»

Das Trommeln der Finger ging weiter, hektischer noch.

«Nur stehen…, stehen mit Schmerzen, mit einem immensen Aufwand, bis zur Grenze der Erschöpfung – aber auf jeden Fall stehen? Unter allen Umständen?», wieder diese Fragestellung von Frau Fisher.

Abrupt blieben die Finger der Frau Doktor, gestreckt und gespreizt, gespannt auf dem Tisch liegen: «Es geht auch um den Kreislauf und auch um das Gefühl, ‚das Stehen‘ zu erleben, in körperlich aufrechter, senkrechter Position zu sein.»

Brenda schüttelte kaum sichtbar den Kopf: «Wir quälen so die Kinder. Es ist von der Medizin her wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder, die im Rollstuhl sitzen und sich bewegen – sich auch nur minimal bewegen können – nicht von einem Kreislaufkollaps gefährdet sind… In Amerika…»

«Ja, ja, Ihr Amerika, Frau Fisher! Wir wissen Bescheid. Wir sind nicht in den USA. Wir sind in der Schweiz. Schon bei mehreren Patienten haben Sie die Gehübungen beanstandet…»

Brenda hob die Hand, um die Ärztin zu unterbrechen: «Aber nur bei den Kindern, die von den Muskeln her nicht mehr die geringsten Chancen haben, eigenständig Füsse und Beine zu biegen und zu strecken. Und nicht einmal mehr aus eigener Kraft – mit den Händen und Armen eine Krücke, einen Stock oder ein sonstiges Hilfsmittel zu halten vermögen… Vergessen wir nicht: Wir sind jetzt in den Sechzigerjahren und haben zur Problematik bessere medizinische und orthopädische Wissensgrundlagen…»

Mit einer wegwerfenden Handbewegung erhob sich die leitende Ärztin der Klinik: «Das ‚Standing‘ behalten wir auf jeden Fall bei. Und was die Gehübungen betrifft, sehen wir weiter.»

Frau Doktor Emmerichs Tonfall signalisierte, dass daran nicht zu rütteln war.

*

Ein Jahr später.

«Machen wir eine gute Sitzpatientin aus ihr.» Frau Doktor Emmerich blätterte flüchtig im Krankenbericht.

«Das heisst, keine Gehübungen mehr?», fragte Stefanie, eine junge Therapeutin, verwundert. «Sie ist doch erst zwölf.»

«Nein», erwiderte Frau Doktor Emmerich und schüttelte energisch den Kopf. «Es hat keinen Zweck. Ers