: Axel Braig
: Über die Sinne des Lebens und ob es sie gibt Eine philosophische Anprobe
: S.Hirzel Verlag
: 9783777629629
: 1
: CHF 19.60
:
: Philosophie, Religion
: German
: 100
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit der Philosophie hält es der Musiker, Arzt und Philosoph Axel Braig ein wenig wie mit dem Wetter: Er sucht sich für jede Situation die passende Kleidung. Braig geht es vor allem um lebenspraktisch Wirksames aus dem über zweieinhalb Jahrtausende umfassenden Fundus des (abendländischen) Denkens, etwa um Hilfestellungen für existenzielle Krisen. In seinem Buch »Über die Sinne des Lebens und ob es sie gibt« stellt er uns philosophische Denker vor - von Platon über Montaigne bis zu Levinas oder Feyerabend. Braig erzählt dabei nicht nur seine eigene philosophische Biografie, sondern ermutigt vor allem dazu, selbst zu philosophieren.

Axel Braig war als Orchestermusiker und Allgemeinarzt tätig, studierte dann Philosophie und arbeitete an-schließend als Palliativmediziner und Psychoonkologe. In Tübingen, wo er als philosophischer Gesprächspartner zur Verfügung steht, veranstaltete er über viele Jahre den offenen monatlichen Salon »Café Philo«.

Die Welt


»Ich möchte nicht tot und begraben sein
Als Kaiser zu Aachen im Dome;
Weit lieber lebt ich als kleinster Poet
Zu Stukkert am Neckarstrome.«

Heinrich Heine, »Deutschland. Ein Wintermärchen«

Sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde ich, wie Martin Heidegger sagen würde, in die Welt geworfen und bin dabei weich gefallen. Obwohl die Folgen des Krieges noch spürbar waren, sorgten meine Eltern dafür, dass ich als jüngster von drei Brüdern behütet aufwachsen konnte. Zwar hat man nicht viel Aufhebens um mich gemacht, doch andrerseits kann ich mich nicht erinnern, dass mir während der Kindheit ein größeres seelisches Trauma zugefügt worden wäre.

Über zwei Themen wurde in unserer Familie praktisch nicht gesprochen: Religion und Sexualität. Ersteres habe ich nicht vermisst. Die Vorstellung, dass die Welt von einem lieben Gott geschaffen wurde, »der alles so herrlich regieret«, war mir daher nie sonderlich nahe. Das Schweigen über Sexualität sollte ich erst später als einen Mangel empfinden.

Nachdem meine Eltern ihren pädagogischen Ehrgeiz schon an die älteren Brüder verschwendet hatten, konnte ich in deren Windschatten aufwachsen. »Der wird von alleine groß«, so die Einschätzung meiner Mutter. Immerhin gab ich den Eltern offensichtlich Anlass zu dem Rat, mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Diese Empfehlung habe ich insofern beherzigt, als ich tatsächlich nicht sonderlich viel über mich selbst nachgedacht habe. Umso mehr wollte ich schon früh wissen, wie »die Welt« funktioniert, und nervte die Erwachsenen mit Warum-Fragen. Aus der gängigen Antwort: »Das verstehst Du noch nicht« zog ich zwei Schlüsse: erstens, dass jedes Ding tatsächlich eine eindeutige Ursache habe. Zweitens folgerte ich aus dem noch nicht, dass ich diese ursächlichen Zusammenhänge irgendwann einmal alle begreifen würde.

Sehr empfänglich war ich für die Mahnung: »Sei doch vernünftig!« Heute hätte ich meine liebe Not, zu erklären, was Vernunft ist. Das altkluge Kind damals war aber entschlossen, genauso vernünftig wie die Erwachsenen zu denken, und war fest davon überzeugt, dass es daher schon bald erfahren werde, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Meine häusliche Erziehung hatte keinen eindeutigen weltanschaulichen Hintergrund, aber da mein Vater Zeitungsredakteur war, standen zuhause immer mehrere Tageszeitungen zur Verfügung. So gewöhnte ich mir schon als Kind an, über ein bestimmtes Ereignis ganz unterschiedliche Berichte zu lesen. Dabei entwickelte ich eine Vorliebe, mich für verschiedene Versionen einer Geschichte zu interessieren. Sogar die Neigung zur Rechthaberei verlagerte sich insofern, als mein notorischer Widerspruchsgeist besonders dann angestachelt wurde, wenn mir nur eine Version als »die Wahrheit« präsentiert wurde.

Doch bald nahm die diffuse Vorstellung von der Ordnung der Welt doch noch konkretere Formen an. Die räumliche Nähe zum Elternhaus führte mich auf ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium. Obwohl ich mich langfristig nicht sonderlich zu den Naturwissenschaften berufen