: Thea Dorn
: Trost Briefe an Max
: Penguin Verlag
: 9783641279875
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 176
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Buch der Stunde für alle Untröstlichen

»Wie geht es Dir?« Als Johanna von Max, ihrem alten philosophischen Lehrer, eine Postkarte mit dieser scheinbar harmlosen Frage erhält, bricht es aus ihr hervor: die Trauer über den Tod ihrer Mutter, die Wut, dass man ihr im Krankenhaus verwehrt hat, die Sterbende zu begleiten. Provoziert durch weitere Postkarten, beginnt Johanna, sich den Dämonen hinter ihrer Verzweiflung zu stellen.

In einem einzigartigen Postkarten-Briefroman erzählt die Literatin und Philosophin Thea Dorn von den vielleicht größten Themen, die der gottferne, von seinen technologischen Möglichkeiten berauschte Mensch verdrängt: von der Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, von der Suche nach Trost in trostlosen Zeiten.

Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller, Theaterstücke, Drehbücher und Essays und moderierte die Sendung »Literatur im Foyer« im SWR-Fernsehen. Seit März 2020 ist sie leitende Moderatorin des »Literarischen Quartetts«. Thea Dorn lebt in Berlin.

7. Mai


verzeih, dass ich so lange nichts von mir habe hören lassen. Aber ich weiß ja, was Du von wütenden, verzweifelten Menschen hältst. Nur ist es leider so, dass ich seit Wochen nicht anders kann, als zu wüten und zu verzweifeln. Deshalb habe ich Dir lieber gar nicht geschrieben. Doch jetzt, da Deine Postkarte angekommen ist, wirst Du mich und meine Gefühle wohl ertragen müssen.

Meine Mutter ist tot. Gestorben, weil sie sich in ihrem verdammten Leichtsinn für unsterblich hielt. Gestorben, weil blinde Politiker nicht sehen wollten, welche Gefahr auf uns zukommt. Gestorben, weil Wissenschaftler fröhlich verkündet haben, mit ein bisschen Händewaschen und In-die-Armbeuge-Niesen sei dieses Virus schon auszutricksen. Gestorben, weil unsere Krankenhäuser von einer Seuche heillos überfordert sind.

Ich gestehe: Als die ersten Meldungen hereinkamen, dass in China wieder einmal irgendeine Vogel-Viecher-Grippe ausgebrochen ist, und auch bei uns in der Redaktion die Panikgänse losschrien, gehörte ich zu denjenigen, die dachten: Ach ja, lass sie schreien. Die nächste Sau, die sie durchs Dorf jagen können. Selbst als es in Italien losging, dachte ich noch: Ist diesmal halt eine besonders prächtige apokalyptische Sau, die lässt sich eben auch ein bisschen länger jagen.

Herrgott, Max! Ich glaube, ich bin zum ersten Mal so weit, dass ich begreife, warum Du meinen gesamten Berufsstand verachtest, warum Du beschlossen hast, Dich vollständig zu entnetzen. Zwar halte ich Deine selbst gewählte Inseleinsamkeit noch immer für einen elitären Witz – apropos: Was soll diese Karte? Falls das Deine Art ist, mir zu verstehen zu geben, dass Du durchaus mitbekommst, was auf der Welt passiert, und dass Du Dir Sorgen machst, ist es eine ziemlich absonderliche Art. Aber egal. Zum ersten Mal beginne ich zu begreifen, warum Du der Welt Lebewohl gesagt hast.

Seit Jahren schreien wir »Feuer!«, obwohl Mutter Natur oder wer auch immer bloß ein bisschen gezündelt hat. Über diesem Daueralarm haben wir völlig vergessen, dass es wirklich einmal brennen kann. Unsere famosen Entscheidungsträger stehen da wie eine Truppe Feuerwehrdarsteller, die plötzlich merkt, dass sie keinerlei Ahnung hat, wie man einen echten Brand löscht. Und während sich bei den Feuerwehrdarstellern langsam Panik breitmacht, sitzen wir noch immer vor den Bildschirmen und schauen halb gebannt, halb gelangweilt den Katastrophen-Clips zu, ohne zu begreifen, dass wir selbst es sind, denen wir zuschauen. (Welche Dinosaurierart war es, die interessiert verfolgt hat, wie sich eine andere Dinosaurierart in ein Bein weit unten verbeißt – bis irgendwann in ihrem Hirn die Nachricht angekommen ist, dass es ihr eigenes Bein ist, das da gerade gefressen wird?)

Ich will mich nicht weniger gefahrenblind, nicht weniger abgestumpft machen, als wir alle es sind: Trotzdem habe ich irgendwann – nein, nichtirgendwann, sondernrelativ bald begriffen: Diesmal ist es ernst. Diese Toten, die sich in Norditalien in den Krankenhauskellern stapeln, die sind kein Sensationsgesums. Die gibt es wirklich. Die stapeln sich sonst dort nicht. Es wird gefährlich. Auch für uns.

Aber meine Mutter, meine brillante, dauerumtriebige, vierundachtzigjährige, b