3. 1969 – 1992
Aller Anfang ist schwer
Der Anfang im Ministerium fiel dem aufsässig und mit kritischem Blick auf die Gesellschaft aus Paris Angereisten schwer. Das Haus war voller Bürokratie und vieler unzufriedener Kollegen, die ungeduldig auf Beförderung warteten. Ich assistierte einem älteren Unterabteilungsleiter, der mir Vorgänge nach alter preussischer Sitte noch „zur geflissentlichen Kenntnisnahme” zuschrieb. Wir waren in einer alten Kaserne in schlechter Ausstattung mit einfachverglasten, zugigen Fenstern untergebracht. Für Kollegen, die uns aus dem Ausland besuchten, war aus solcher Bescheidenheit nur abzuleiten, dass man keine übertriebenen Forderungen nach deutschem Geld stellen sollte. Die Hauptstadt im kleinen Bonn wirkte nach draußen sympathisch. Unser Hauptpartner in Paris war nahe. Glücklicherweise gelang es mir, mich aus dem Pulk der Beamtenränge zu lösen. Ich wurde der jüngste Ministerialrat im Ministerium und verliess es später nach vierundzwanzig Jahren mit dem stolzen Titel eines Ministerialdirigenten, zu dem mich Bundespräsident Weizäcker ernannt hatte.
Gleich am Anfang kam ein Erlebnis, das mich lange beschäftigte. Das „Jungvolk”, zu dem ich zunächst gehörte, wurde noch eingelernt. Dazu gehörte eine Reise nach Westberlin mit obligaten Mauerbesuch. Wir sollten sehen, von wo die Gefahr für unser Gesellschaftssystem drohte, solange es Kommunismus gab. Auf allen unseren Aktendeckeln prangte der Spruch: „Schreib öfter nach drüben - Sie warten drauf“. Als nun Bundesdeutscher konnte ich - anders als die Westberliner - durch die Mauer den östlichen Teil der Stadt aufsuchen. Ich fand dort eine Buchhandlung. Auf deren Präsentiertisch lag das „Braunbuch” mit den Namen ehemaliger Nazi-Chargen, die in der Bundesverwaltung Unterschlupf gefunden hatten. Es war eine lange Liste. Ich fand sofort den Personalchef meines Ministeriums Nieschling, der mich als Ministerialrat eingestellt hatte. Er wurde als Marinekriegsgerichtsrat und Mitglied der NSDAP und SA ausgewiesen. Später hat mich das Thema der braunen