Kapitel 1
Einen Monat später
Helen
Ich parkte den alten SUV unseres Dads, nahm meinen warmen Kaffeebecher aus der Halterung und betrachtete das alte Gebäude aus roten Backsteinen, das sich direkt vor mir befand. Das musste es sein, das Cheltenham College. Immerhin sah es genauso heruntergekommen aus wie auf den wenigen Bildern, die ich im Internet gefunden hatte. Ich beobachtete, wie goldbraune Blätter durch die Luft flogen und sich die kahlen Bäume im Wind bogen. Wir hatten bereits Ende Oktober und normalerweise zählte der Herbst zu meinen Lieblingsjahreszeiten. Ich mochte es, durch die bunten Blätter zu schlendern und Kürbisse mit Amy und Dad auszuhöhlen. Doch jetzt machte mich allein der Gedanke daran traurig, da ich wusste, dass nichts von diesen Dingen mehr so sein würde, wie es mal gewesen war.
Mein Blick wanderte wieder zu dem Gebäude vor mir. Ein hässliches Willkommensschild zierte den Eingang der kleinen Uni, auf dem das W von »Welcome« nahezu verschwunden war. An den Wänden wucherte überall Moos und der Putz hatte sich an manchen Stellen gelöst. Wenige junge Leute gingen in das alte Gebäude, ansonsten war dieser Ort wie ausgestorben. Das alles hier war das komplette Gegenteil von dem Leben vor Dads Tod. Ich war auf eine Eliteuni in London gegangen, dem Kings College, und hatte dort im zweiten Semester Journalismus studiert. Die Uni war wahrscheinlich zehnmal größer als das Cheltenham College und um einiges schöner. Ich liebte sie und war unglaublich stolz gewesen, als ich dort einen der wenigen Plätze erhalten hatte.
Aber ich vermisste nicht nur das Kings College, sondern einfach alles an London. Unser Viertel, unsere Freunde, unser Haus, das wir wegen der hohen Miete nicht mehr hatten halten können. Hätte mir jemand vor ein paar Wochen erzählt, dass ich bald mit nichts hier stehen würde, dann hätte ich wahrscheinlich diesen Menschen laut ausgelacht. Wobei ich auf alles hätte verzichten können, solange wir noch unseren Dad gehabt hätten.
Man sagte, Zeit heilt alle Wunden. Bei mir aber fühlte sich der Schmerz von Tag zu Tag schlimmer an. Seit Wochen starrte ich auf mein Handy und wartete auf seine täglichen Anrufe. Obwohl er kaum Zeit für uns gehabt hatte, hatte er immer wissen wollen, wo wir uns aufhielten und ob es uns gut ging. Ich sah auf mein Telefon, das neben mir auf dem Beifahrersitz lag. Doch es gab keinen Ton von sich.
Während ich weiter vor mich hin grübelte, klopfte plötzlich jemand gegen das Fenster des SUVs. Ich erschrak so sehr, dass ich meinen Kaffee über meinen olivgrünen Hosenrock schüttete.
»Mist!« Das konnte doch nicht wahr sein. Ich drehte mich zur Seite und setzte an, um der Person meine Meinung zu geigen, doch ich hielt inne, als ich erkannte, wer vor meinem Auto stand.
Sofie Parker, alias meine Mentorin, deren Bilder ich bereits auf Instagram durchforstet hatte. Eine Eigenschaft, die zwar typisch für mich war, aber jetzt nur noch für die Recherche zu Dads Tod diente. Ich brauchte dieses blöde Mentoren-Programm, um an nützliche Informationen über diesen Ort, die Leute, einfach alles hier zu gelangen. Und Sofie Parker war meine Eintrittskarte.
Die kleine, bildhübsche Blondine lachte mich verlegen und gleichzeitig entschuldigend an. Sie hatte einen schwarzen Rollkragenpullover und eine hautenge schwarze Jeans an, die ihre Kurven perfekt zur Geltung brachte. Dazu trug sie eine rote Baskenmütze und schwarze Overknee-Stiefel. Eins musste ich ihr jedenfalls lassen, ein Händchen für Mode hatte sie. Ich ließ meine Scheibe herunter. Ein kalter Wind wehte durch das Fenster, sodass ich instinktiv zusammenzuckte. Das Wetter hier war um einiges frischer als in London.
»Du musst Helen Collins sein! Wir hatten geschrieben. Ich bin Sofie Parker, deine Mentorin. Ich habe dich bereits beim Einparken gesehen und gedacht, bevor du mich nicht findest, klopfe ich lieber gleich ans Fenster. Tut mir wirklich sehr leid wegen deiner Hose!«
Schuldbewusst nickte sie in die Richtung meines Oberschenkels, auf dem ein riesengroßer Kaffeefleck prangte. War ja nicht so, dass sich sonst keiner auf dem Parkplatz befand, aber das behielt ich lieber für mich.
»Hi, ja, kein Problem.«
Während Sofie beiseitetrat, schloss i