: Holger Thurm
: Porträt eines Holländers
: hockebooks: e-book first
: 9783957513663
: 1
: CHF 6.20
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 534
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In einem Amsterdamer Museum stößt Willem Voss auf ein verschollenes Porträt aus dem 17. Jahrhundert. Der Mann auf dem Gemälde gleicht ihm bis aufs Haar. Als Willem herausfindet, dass der Porträtierte ermordet worden ist, will er die Tatumstände ans Licht bringen. Doch ein unbekannter Verfolger hindert ihn plötzlich daran und trachtet ihm nach dem Leben. Immer mehr wird Willem klar, dass seine Ähnlichkeit mit dem Porträt kein Zufall ist. Das ahnt auch die Restauratorin Sophie Thijssen, die vom Anblick des Bildes mehr als nur angezogen ist. Sie will das reale Abbild der Gegenwart unbedingt finden. Denn ein wichtiges Detail auf dem Gemälde wurde übermalt.

II


Summend lief Anouk durch ihre kleine Wohnung im Amsterdamer Westen, suchte sich ein paar Kleidungsstücke für den Abend zusammen, verwarf die biedere Bluse und entschied sich für eine etwas tiefer ausgeschnittene, besah sich prüfend im Spiegel, setzte ihre Kontaktlinsen ein, schminkte sich dezent, steckte ihre Haare hoch, legte etwas Schmuck an und suchte verzweifelt nach passenden Schuhen. Das Telefon klingelte zur Unzeit. In fünf Minuten wurde sie abgeholt. Sie konnte schlecht ohne Schuhe aus dem Haus.

Es war Willem. »Kein Theater heute?«

»Der Montag ist aufführungsfrei. Montag ist mein Sonntag, wie du weißt.«

»Ich dachte, wir könnten etwas essen gehen.«

Anouk sah auf die Uhr. Gleich war es acht. »Um die Uhrzeit bist du schon zu Hause? Bist du krank?«

»Ich hatte nachmittags einen Termin. Ich bin danach direkt zur Wohnung. Mir geht’s nicht gut.«

Anouk probierte verschiedene Schuhpaare aus. »Was hast du?«

»Ach nichts, es war ein verrückter Tag. Ich bin irgendwie nicht fit. Was ist jetzt mit dem Essen?«

»Ich kann nicht«, antwortete Anouk. »Maud holt mich gleich ab. Sie wollte um acht hier sein. Deswegen bin ich etwas in Eile.«

»Wann sehen wir uns?«, hörte sie ihn fragen.

Gedanklich immer noch mit der Auswahl von Schuhen beschäftigt, entgegnete Anouk ohne große Überzeugung: »Wir sehen uns schon. Ist gerade viel los. Ich melde mich.«

An der Tür klingelte es.

»Ich muss Schluss machen. Maud ist da. Mach’s gut!«

Anouk legte auf. Willem hatte noch etwas sagen wollen, aber es war schon zu spät gewesen. Rasch entschied Anouk sich für ein Paar Stiefeletten und zog sie über. Sie hastete zur Tür und öffnete.

Im Türstock stand Hamlet, der Prinz von Dänemark, in Jeans und Lederjacke, und schenkte Anouk sein strahlend weißes Lächeln. »Bereit zum ersten Vorhang?«

*

Willem lag in der Abenddämmerung auf seinem Bett und spielte mit dem Autoschlüssel, während er seine andere Hand mit dem Smartphone langsam auf das Laken sinken ließ. Am Telefon hatte er sich zwar enttäuscht gezeigt, innerlich jedoch war er erleichtert. Er hatte sich verpflichtet gefühlt, Anouk anzurufen und ein Angebot für den Abend zu machen. Doch wenn er ganz genau in sich hineinhörte, wurde ihm klar, dass er an diesem Abend nicht mehr brauchte als seine Wohnung in der Dämmerung, das Bett, auf dem er lag, und vielleicht noch den Autoschlüssel, mit dem er spielte. So einen Augenblick des Nichtstuns hatte er seit Langem nicht mehr gehabt. Und heute schien er ihm besonders nötig. Seine Gedanken kreisten ständig um die unheimliche Begegnung mit dem Porträt vom gleichen Nachmittag.

Willem sah aus dem Fenster auf die im Dunkeln liegende Straße. Gerard hatte ihn am frühen Abend zweimal angerufen. Willem hatte weder abgehoben noch zurückgerufen. Nach der Begegnung mit Veendam fühlte er sich kraftlos und nicht in der Lage, Gerards nervige Nachfragen, wie es denn gelaufen s