1. KAPITEL
Lazaro Sanchez ließ genüsslich den Blick durch den festlich dekorierten Ballsaal des angesehensten Hotels der Stadt schweifen.Seines Hotels. Tiefe Befriedigung erfüllte ihn. Sein ganzes Leben hatte er auf diesen Moment hingearbeitet. Darauf, vor all diesen Leuten zu stehen, allesamt hochrangige Mitglieder der Madrider High Society, und als ihresgleichen angesehen zu werden!
Noch vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen. Mit dem verwahrlosten Teenager von damals, dessen Zuhause die Straße gewesen war, hätten die anwesenden Gäste sich niemals abgegeben. Damals hatte er hastig die Scheiben von Autos geputzt, die an einer roten Ampel warteten, um Geld zu verdienen, hatte Touristen gezeigt, wie sie die langen Schlangen vor den Kunstmuseen und Galerien umgehen konnten, und sich aus Mülleimern ernährt, wenn das Geld nicht reichte, um sich Essen zu kaufen.
Wie immer, wenn er an jene Zeit dachte, gärte tief in ihm die altbekannte Mischung aus Wut und verletztem Gerechtigkeitsempfinden. Von seiner letzten Pflegefamilie war er weggelaufen, nachdem der Vater ihn im Schlafzimmer in eine Ecke getrieben und angefangen hatte, sich die Hose auszuziehen.
Lazaro war aus dem Fenster im ersten Stock gesprungen.
Von seinem dreizehnten Lebensjahr an hatte er für sich selber gesorgt.
Die grausame Ironie der Geschichte war, dass er weder verwaist war noch vom Jugendamt aus einer gewalttätigen Familie geholt werden musste, wie so viele andere Kinder, die in Pflegefamilien aufwuchsen. Seine Eltern hatten ihn freiwillig weggegeben. Und heute Abend befand sich Lazaros Vater genau hier, in diesem Ballsaal. Auch wenn der Mann ihn nicht als seinen rechtmäßigen Sohn anerkennen wollte.
Was seine Mutter anging, so hatte er sie in seinem ganzen Leben nur wenige Male gesehen, und das auch nur aus der Entfernung.
Grund dafür war, dass Lazaro der uneheliche Sohn von zwei Mitgliedern der beiden ältesten und angesehensten Familien Spaniens war. Das Ergebnis einer heimlichen Affäre.
Nur durch eine Reihe von Zufällen hatte er die Wahrheit über seine Herkunft herausgefunden. Ein unachtsamer Sozialarbeiter hatte eines Tages seinen Aktenordner liegen lassen, sodass Lazaro einen Blick auf seine Geburtsurkunde hatte werfen können. Die Namen seiner Eltern hatte er sich gemerkt. Doch als er später nach ihnen geforscht hatte, musste er feststellen, dass es sie nicht gab. Die Namen waren gefälscht gewesen.
Mit zwölf Jahren dann war er zu einer neuen Pflegefamilie gebracht worden. Als die Sozialarbeiterinnen, die ihn im Wagen begleiteten, dachten, er schliefe, erzählte die eine der anderen von dem Gerücht, wessen Sohn Lazaro tatsächlich sei.
Er hatte die Augen fest geschlossen gehalten und sich nicht gerührt. Obwohl er noch so jung war, kannte auch er die Namen der Torres und der Salvadors. Sie zählten zu den reichsten und mächtigsten Dynastien Spaniens; ihre Ahnentafeln ließen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen.
Sobald sich die Gelegenheit ergeben hatte, hatte er nach weiteren Informationen gesucht. Und obwohl es nur ein Gerücht gewesen war, wusste er sofort, dass es stimmte, als er ein Foto seines Vaters sah, das ihn zeigte, als er im gleichen Alter wie Lazaro gewesen war. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen, wenn Lazaro auch die auffälligen grünen Augen seiner Mutter geerbt hatte.
Er begann, die palastartigen Wohnsitze der Torres und der Salvadors in einem exklusiven Madrider Vorort zu beschatten. Er beobachtete, wie sie ein und aus gingen, sah seine Halbgeschwister. Ein Sohn seines Vaters fiel ihm besonders auf – Gabriel Torres. Aus irgendeinem Grund war Lazaro völlig auf ihn fixiert. Vielleicht lag es daran, dass sie beinahe gleichaltrig waren.
Eines Tages entdeckte er die gesamte Familie in einem Restaurant im Herzen von Madrid. Sie feierten den Geburtstag seines Halbbruders.
Lazaro hatte draußen gewartet, und als die Familie das Restaurant schließlich verließ – die Frauen in teuren Designerkleidern und behangen mit wertvollem Schmuck, die Männer in maßgeschneiderten Anzügen –, baute er sich vor seinem Vater und Gabriel auf.
„Ich bin dein Sohn!“ rief er, am ganzen Körper zitternd. Er sah seinen Vater an, der hoch über ihm aufragte, und spürte den Blick seines Halbbruders auf sich, der ihn ansah, als stammte Lazaro von einem anderen Planeten.
Dann ging alles sehr schnell. Wie aus dem Nichts tauchten mehrere Männer auf, und ehe er sich versah, lag Lazaro in einer staubigen kleinen Gasse neben dem Restaurant. Sein Vater riss i