ZWEI
Montag, 15. November 1976
MONTAGMORGEN in der Keithstraße, direkt auf der Bezirksgrenze von Tiergarten und Schöneberg. Die Gegend kommt Peter Kappe heute morgen besonders schrecklich vor, und außerdem nieselt es schon wieder.
Kappe fragt sich oft, wie die Leute hier in besoffenem Zustand ihre Wohnungen wiederfinden. Und saufen muss man, wenn man hier wohnt. Die gesichtslose Bebauung, die in dieser Ecke in den letzten Jahren in die Höhe geschossen ist, spiegelt den Grauschleierspirit von Berliner Mauer und Todesstreifen. Seit fünfzehn Jahren steht der vom Osten so genannte Antifaschistische Schutzwall, und in diesem Jahr wurde die Berliner Mauer noch einmal aufgestockt. Die DDR-Truppen stellten neue, industriell gefertigte senkrechte Stützwandelemente auf, auf deren oberem Ende ein aufgeschlitztes Asbestrohr sitzt. Diese Ästhetik der Abwehr ist längst in der West-Berliner Architektur angekommen – aus sozialer Kälte modellierte Betonburgen mit desillusionierten Schießschartenbalkonen. Darin Menschen, übereinandergestapelt und verwahrt, lange Gänge ohne Sonne, von denen 35-Quadratmeter-Zellen abgehen, die sich Studio schimpfen. Vielleicht wird Kappe auch bald in so einer Schuhschachtel wohnen. Dann könnte er zur Arbeit laufen.
Kappe parkt seinen Opel Rekord routiniert rückwärts ein. Manchmal wünscht er sich einen zweiten Außenspiegel auf der Beifahrerseite, um den Bordstein sehen zu können. Er löst den Anschnallgurt. Kappe hasst das Ding. Er ist zu groß, der Anschnallgurt rutscht auf seinem Bizeps herum. Aber seit Anfang des Jahres herrscht Anschnallpflicht in Deutschland, zumindest auf den Vordersitzen. Die Frauen haben Angst um ihren Busen. Auf dem Rücksitz muss man sich nicht anschnallen. Doch wer einmal versucht hat, den Vordersitz auszubauen und vom Rücksitz aus zu fahren, stellt schnell fest, dass das selbst großen Menschen wie Kappe nicht gelingt.
Kappe betritt das Dienstgebäude der Abteilung I des Landeskriminalamtes Berlin, Keithstraße 30. Heute morgen riecht es auf den Gängen ganz besonders nach Aktenstaub und Verzweiflung. Er öffnet die Holztür zu seinem Büro in der Mordkommission 6. Das Radio spielt Juliane Werding: «Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst, ein Mädchen kann das nicht. Schau mir in die Augen, und dann schau in mein Gesicht!» Na ja, es gibt Schlimmeres als das Gesicht von Juliane Werding. Hübsche Blondine mit Hasenzähnen, man sieht sie oft genug in derZDF-Hitparade.
Kappes Kollege Kriminalmeister Wolf Landsberger schaut auf und grüßt lächelnd. Er ist der perfekte Polizist. So blond und gutaussehend wie Juliane Werding, gleichzeitig seinen Mitmenschen so wertschätzend zugewandt wie ein guter Hausarzt. Er ist einfach dein F