2. Ätiologie: bisherige Erklärungsansätze für Verhaltenssucht
Der Stand der Forschung legt nahe, dass der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Verhaltenssüchten ähnliche neurobiologische Faktoren und Mechanismen sowie Lernprozesse zugrunde liegen wie den stoffgebundenen Süchten.
2.1 Neurobiologie
Die Stimulation des mesocorticolimbischen oder Belohnungssystems mit den Ankerpunkten Nucleus accumbens, Amygdala und Hippocampus führt zur Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin. Diese Ausschüttung lässt uns angenehme Gefühle erleben. Das passiert ständig auf ganz natürlichem Weg in unserem Alltag: wenn wir ein leckeres Stück Kuchen in der Auslage sehen, geliebte Menschen erblicken, Sport treiben, Sex haben, eine interessante Entdeckung machen, eine Sonderzahlung vom Arbeitgeber erhalten usw. Sowohl die Erwartung einer solchen Belohnung als auch die Belohnung selbst führen zu erhöhter Dopaminausschüttung. Der Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA) hemmt die Ausschüttung von Dopamin normalerweise ab einem bestimmten Punkt, ist also als natürlicher Gegenspieler des Dopamins zu verstehen. Hochgefühle flauen üblicherweise nach einer Weile von alleine wieder ab, das Befinden entwickelt sich zurück zum Ausgangsniveau.
Der Konsum psychoaktiver Substanzen führt ebenfalls zu einem Anstieg der Dopaminausschüttung. Durch Konditionierungsprozesse kommt es sogar bereits bei Konfrontation mit suchtrelevanten Stimuli zu erhöhter dopaminerger Aktivität (zum Beispiel beim Anblick einer Bar bei alkoholabhängigen Menschen oder beim Geruch von Cannabis bei tetrahydrocannabinolabhängigen Personen), was das Verlangen zu konsumieren bedingt (siehe auchAbschnitt 2.2). Zum einen begünstigt dieser mit angenehmen Gefühlen verbundene Anstieg des Dopamins die Suchtentwicklung. Zum anderen wird vermutet, dass bei Menschen mit stoffgebundenen Süchten die Dopaminreagibilität bei nicht substanzassoziierten Belohnungen geringer ausfällt, als zu erwarten wäre: Im nüchternen Zustand scheint weniger Dopamin und mehr GABA ausgeschüttet zu werden als bei Menschen ohne Abhängigkeitsproblematik, weshalb die betroffene Person eher geneigt ist, dem System „nachzuhelfen“, um sich gut zu fühlen. Entsprechend schwer fällt es Betroffenen, sich ohne Substanzen „genauso gut“ zu fühlen beziehungsweise sich Hochgefühle zu verschaffen. Das Belohnungssystem reagiert auf gewöhnliche Reize wenig sensitiv, Betroffene erleben, ohne „nachzuhelfen“, weniger Wohlgefühl. Eine ähnliche Dysfunktion des dopaminergen Systems wurde auch für Menschen mit Glücksspielsucht beschrieben (Wölfling et al., 2011; Reuter et al., 2005; Côté et al., 2003), die Befunde werden konsensuell übertragen auf andere Verhaltenssüchte. Abgesehen von einer reduzierten Sensibilität für Belohnungen (und Bestrafungen!), liegt bei Betroffenen eine erhöhte Reaktivität auf anregende Reize vor, die spezifisch für die jeweilige Verhaltenssucht ist (zum Beispiel Werbung bei Kaufsucht, Bildschirme bei Internetsucht, Spielkarten bei Spielsucht, sexuelle Reize bei Sexsucht etc.). Dies erklärt Salienz und Rückfallneigung. Da unser Gehirn sich in stetiger Veränderung befindet und neuronale Netzwerke sich plastisch in Abhängigkeit davon entwickeln und verändern, womit wir uns beschäftigen, entstehen mit der Zeit sehr starke neuronale Repräsentationen der Suchtgegenstände und des damit assoziierten Wohlgefühls.
Zudem stumpft das Belohnungssystem mit der Zeit ab, sodass immer höhere „Dosen“ notwendig werden, um denselben Effekt hervo