Rettungsring
Manche Geschichten fangen harmlos an, meine beginnt weniger harmlos, nämlich mit Atemnot. Es ist Mitte März 2020, und beim ersten Halskratzen ahne ich: Das ist kein normales Halskratzen. Das Coronavirus ist längst in Deutschland angekommen, und als das Testergebnis bei mir eintrudelt, weiß ich intuitiv, dass ich SARS-CoV-2 habe – denn es geht mir so schlecht wie nie zuvor. Meine drei jüngeren Kinder kümmern sich dann zwei Tage mehr um mich als ich mich um sie. Mein Hausarzt lässt dem Gesundheitsamt und mir am Telefon ungeniert ausrichten, dass er mir nicht helfen wird. Er kommt einfach nicht. In der dritten Nacht wird meine Atemnot so heftig, dass ich wie eine Ertrinkende Todesangst habe, und genau so fühle ich mich: Als würde ich bei vollem Bewusstsein ertrinken. Mein Mann ruft den Notarzt.
Das Rettungsteam ist beeindruckend, sichert den Treppenflur und Hauseingang ab, wie nach einem Super-GAU im Kernkraftwerk. Ich selbst bekomme davon wenig mit, bin absorbiert von meinen Sorgen um die Kinder – und vom Abschied. Mein Mann fragt noch: »Wir sehen uns doch wieder, oder?«, dann geht er die verängstigten Kinder beruhigen. Im Krankenhaus bekomme ich kein Mehrbettzimmer, sondern werde in eine Quarantänestation gesperrt –, streng von der Außenwelt isoliert, permanente Atemnot und Panik bleiben mir treu.
Noch wenige Wochen zuvor war Corona weit weg, jetzt ist das Virus in der Gesellschaft und in meinem Körper angekommen. Kaltweißes Licht fällt in meine halb geöffneten Augen, und eigentlich müsste es hier nach dem Essen riechen, das unangetastet auf meinem Edelstahlnachttisch steht, aber ich rieche nichts. Ich schmecke auch kaum, aber das ist unerheblich, denn zum Essen bin ich sowieso zu schwach.
Mit flacher Atmung versuche ich, im Krankenhaus einzuschlafen, aber die Angst vor dem Ersticken begleitet jeden meiner Atemzüge, und es geistern mir die immer gleichen Fragen durch den Kopf: Was passiert hier mit mir? Wie geht es meiner Familie? Werde ich sie jemals wiedersehen? Meine Liebsten, meine Freunde und Kollegen – oder muss ich jetzt mutterseelenallein in dieser Corona-Isolation sterben?!
Bei diesen Fragen zittern meine Hände, meine Brust hebt und senkt sich nur schwer, ich ringe nach Luft, Tränen fließen. Später werde ich mich dankbar an das Pflegepersonal erinnern, das mich engmaschig überwacht, weil die Sauerstoffsättigung in meinem Blut immer wieder rapide abfällt. In voller Schutzkleidung betreten sie ein großes Mehrbettzimmer, in dem ich alleine liege – meine Zelle, wie die Männer bei E.T., dem Außerirdischen, einem meiner ersten Westfilme. Ich grusele und freue mich zugleich, denn sosehr ihre Montur mir das Gefühl gibt, ein Corona-Alien zu sein, sosehr beruhigt mich das Wissen, dass sie meine Atemnot mit Sauerstoff beenden und mir ein Schlaf- und Schmerzmittel verabreichen werden.
Schon am zweiten Tag geht es mir etwas besser, und so kann ich endlich wieder mit meiner Familie sprechen – wenn auch nur digital. Mein Tablet wird mein Fenster in die Welt, und je besser es mir geht, desto mehr weiß ich: Auch meine Erlebnisse hier will ich mit meinen Mitmenschen teilen. Auf Twitter dokumentiere ich seit ein paar Tagen meinen Zustand, ernte in den Kommentaren Zuspruch und Mitgefühl, aber auch jede Menge Wut und Hass. Weil ich Corona habe? Weil ich darüber schreibe? Ich weiß es nicht. Viele haben Interesse an einem Videotagebuch, also laufe ich mit dem Tablet durch meine Quarantänezelle und halte für die Außenwelt fest, was mich hier drinnen festhält: Eine schwere Lungenerkrankung, ausgelöst von einem Virus, das wiederum eine weltweite Pandemie auslös