: Alain Stephen
: Philosophie mal einfach (für Einsteiger, Anfänger und Studierende)
: Anaconda Verlag
: 9783641276331
: 1
: CHF 3.60
:
: Philosophie: Allgemeines, Nachschlagewerke
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Philosophen aller Epochen von der Antike bis ins 21. Jahrhundert haben immer wieder, wenn auch oft unter ganz anderen Voraussetzungen oder mit anderen Zielen, über dieselben grundlegenden Dinge nachgedacht. Über das Glück und über die Liebe, über Ethik und Moral, über Politik und Religion, über Sprache und Wissenschaft. Alain Stephen verfolgt in diesem Buch, welche Theorien und Argumente dabei jeweils von Bedeutung waren, und erzählt anhand dieser Themen eine Geschichte der Philosophie, die zum Mit- und Weiterdenken wie geschaffen ist. Ein Buch für alle, die den großen Fragen des Lebens ein Stück näherkommen möchten.

2. Kapitel


Die Szenerie – wenn ich Sie bitten darf, mir zu folgen – hatte sich verändert. Das Laub fiel noch immer, aber jetzt in London, nicht mehr in Oxbridge. Und ich möchte Sie bitten, sich einen Raum vorzustellen, einen wie viele tausend andere, mit einem Fenster, durch das man über die Hüte, Karren und Automobile der Leute hinweg auf andere Fenster blickt, und in dem auf einem Tisch ein Blatt Papier liegt, auf das jemand noch nichts weiter geschrieben hat als: FRAUEN UND LITERATUR. Die unvermeidbare Fortsetzung zu Mittag- und Abendessen in Oxbridge schien, unglücklicherweise, ein Besuch im Britischen Museum zu sein. Ich musste das Persönliche, das Zufällige herausfiltern, um so die reine Flüssigkeit, das ätherische Öl der Wahrheit zu erlangen. Schließlich hatte der Besuch in Oxbridge, hatten das Mittag- und das Abendessen einen Schwarm von Fragen aufgescheucht. Warum tranken Männer Wein und Frauen Wasser? Warum war das eine Geschlecht so wohlhabend und das andere so arm? Wie wirkt sich Armut auf Literatur aus? Welche Voraussetzungen müssen für künstlerisches Schaffen gegeben sein? – Diese und tausend Fragen mehr drängten sich auf. Aber ich brauchte keine Fragen, sondern Antworten, und die konnte ich nur bekommen, indem ich die Gelehrten und Unvoreingenommenen befragte, jene, die sich allem Ringen um Worte, allen Irrpfaden des Körperlichen enthoben hatten und deren Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen in die Bücher im Britischen Museum geflossen waren. Wenn die Wahrheit nicht in den Regalen des Britischen Museums zu finden ist, wo, so fragte ich mich, während ich zu Notizbuch und Bleistift griff, sollte sie sonst zu finden sein?

Derart ausgerüstet machte ich mich wissbegierig und zuversichtlich auf den Weg zur Wahrheit. Das Wetter, wenngleich nicht nass, war trübe, und die Straßen um das Museum voller offener Kohlenschächte, in die es aus den Säcken nur so hineinregnete. Wo vierrädrige Droschken zum Stehen kamen, wurden verschnürte Kartons mit vermutlich der gesamten Garderobe einer nach Reichtum, Zuflucht oder einem anderen, im Winter in Bloomsburys Gästehäusern erhältlichen Gut strebenden Familie aus der Schweiz oder aus Italien auf den Bürgersteig entladen. Gemüsekarren rumpelten auf und ab, deren Inhalt mit chronisch heiseren Stimmen – hier singend, dort rufend – feilgeboten wurde. London glich einer Werkstatt, einer Maschine, in der wir alle unserem Zweck folgend vor und zurück schnellten. Das Britische Museum war eine weitere Abteilung der Fabrik. Die Schwingtüren schwangen auf und schon stand man dort unter der riesigen Kuppel wie ein Gedanke hinter der glänzenden, mit einem Band ruhmreicher Namen so prä