: Michael Lichtwarck-Aschoff
: Robert Kochs Affe Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes
: S.Hirzel Verlag
: 9783777629827
: Hirzel Literarisches Sachbuch
: 1
: CHF 19.50
:
: Naturwissenschaft
: German
: 100
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seine Wissenschaft von den Bakterien hat Robert Koch als totalen Krieg gegen das Unsaubere erfunden. Unsauber ist alles, was fremd ist. Und das unsaubere Fremde ist ansteckend. Ansteckung produziert angesteckte Massen. Die verseuchte Masse macht Aufstand. So sind Seuche und Aufstand vom selben schrecklichen Fleisch. In drei Episoden wird erzählt, wie eine solche Haltung zu Beginn des 20. Jahrhunderts im sauberen Berlin entsteht, und zu welch unmenschlichen Folgen sie zwangsläufig führt. Das kranke, aufsässige Afrika, für Koch das Unsaubere schlechthin, muss mit Menschenversuchen in concentration camps gesäubert werden. In New York dann erweist sich die Seuchenbekämpfung nach seinen Prinzipien als Zuchtinstrument gegen all jene, die unbelehrbar an der Hoffnung auf ein besseres Leben festhalten. Nun kommen Koch selber Zweifel.

Michael Lichtwarck-Aschoff hat viele Jahre als Intensivmediziner in Augsburg gearbeitet sowie in München, Basel, Freiburg und Uppsala geforscht und als außerplanmäßiger Professor für Anästhesiologie und Intensivmedizin gelehrt. Nach dem Ende seiner Klinikarbeit bedenkt er schreibend, was das wohl sein könnte: die Medizin.

Das Sommerhaus

Berlin
im Sommer und Herbst 1903

Der Affe, der ihm die Tür öffnete, besaß eine gewisse dünnfingrige Manierlichkeit. Ein Klavierschüler, der eben noch an CzernysSchule der Geläufigkeit gesessen hatte. In der Art.

Walther Hesse würde sich später fragen, wie um Himmels willen er in diesem Augenblick auf einen Klavierschüler kommen konnte. Das Samtjackett des Affen, wahrscheinlich war es das. Ausgewaschenes Grün, die Seitentaschen mit drei Knöpfen akkurat geschlossen.

Der Affe legte den Kopf schräg und studierte einen Punkt oberhalb Hesses rechter Schulter, auf dem Rand der Thujahecke. Ganz bei der Sache war er wohl nicht, trotzdem wirkte seine Haltung liebenswürdig. Hesse sagte sich, seine Klingelei mochte den armen Kerl aufgeschreckt haben. Wahrscheinlich hatte er sich das Jackett nur rasch übergeworfen, um an der Tür nachzusehen.

»Ich möchte zu Herrn Professor Koch, bitte«, sagte Hesse, »der Herr Professor hat mich herbestellt, respektive ist es so, dass man mich im Hygienischen Institut, also man hat mich wohl avisiert. Die Einstellung, wenn es recht ist, sozusagen.«

Plötzlich empfand Hesse, wie kühl der hauptstädtische Nachmittag geworden war. Überhaupt: War das nicht alles ein bisschen unernst? Nachlässig gekämmt war der Affe jedenfalls. Dünnes Haar klebte am platten Hinterkopf. Wie bei einem Säugling, der in der Milch geschlafen hat, die ihm aus dem Mund geronnen ist. So reinlich, wie man sich den Hausdiener des weltberühmten Hygienikers vorstellen muss, war das Tier nicht. Ist Hygiene nicht die Wissenschaft vom Sauberhalten, von der Reinheit an sich?

Später würde gefragt werden, ob Hesse tatsächlich angenommen hatte, der Affe verstünde ihn. Schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass diese ironischen Augen ihn gerade jetzt beunruhigten. Zärtlich wanderten sie über Hesses steifen Kragen und dann, als sei noch längst nicht alles gesehen, an seinem schwarzen Anzug hinunter. Der wurde nur zu Beerdigungen aus dem Schrank geholt.

Der Affe hatte keinerlei Eile. Gelassen schweifte sein Blick von Hesses Händen zu dessen Knien. Dann wieder zurück. Als gäbe der Abstand zwischen, sagen wir, Daumenendglied und Kniescheibe Auskunft darüber, wie schwerwiegend das Anliegen eines Fremden überhaupt sein kann, der klingelt, wenn man gerade Klavier übt.

Mittlerweile war Doktor Hesse überzeugt: Das Tier will mich gar nicht verstehen. Natürlich kann man Affen abrichten. Sie spielen zum Beispiel Czerny auf dem Klavier. Aber bestellen sie dem Hausherren auch, welches Anliegen Walther Hesse hat? Kann man sich in diesem Punkt auf einen Affen verlassen?

Hesse begann zu schwitzen. Sah sich nach einem Weg um, auf dem er sich zurückziehen konnte.

Dabei müsste ihm eigentlich, ein paar Schritte neben dem Gartentor, ja dort, wo die Thujahecke beginnt, ein Mann unbestimmbaren Alters mit einer langen Schürze aufgefallen sein. Er stützte sich auf eine Harke. Das war Witold Krol, Professor Kochs Mädchen für alles, Faktotum, Kräuterkundiger, Konservierer, Labordiener, was weiß ich, jedenfalls unter anderem auch: Gärtner. Hesse hätte ihn sehen können, durchaus.

Witold seinerseits beobachtete ihn scharf. Obwohl der Doktor wenig U