: Oliver Driesen
: Wattenstadt. Ein satirischer Roman von der Hallig Langeneß
: Charles Verlag
: 9783948486303
: 1
: CHF 8.90
:
: Comic, Cartoon, Humor, Satire
: German
In der Nordsee vor der Hallig Langeneß plant der Wattenscheider Industrielle Konrad Klapp das ganz große Ding: die 'Wattenstadt', den ersten tauchfähigen Gezeiten-Erlebnispark der Welt. Mit skrupelloser Bauernschläue räumt der bestens vernetzte Turbokapitalist aus dem Kohlenpott alle Widerstände von Umweltschützern, Halligbewohnern und Behörden beiseite. Doch mit dem Starrsinn einiger bodenständiger Widersacher hat Klapp nicht gerechnet - und schon gar nicht mit der unterschätztesten Spezies im Wattenmeer, der Wellhornschnecke. 'Im Kern blödsinnig und trotzdem nah an der Wirklichkeit ... ein mit viel Witz erzählter, kurzweiliger Roman ... und ein kluger obendrein.' - Lübecker Nachrichten

Der Journalist und Schriftsteller Oliver Driesen, geboren 1966 in Düsseldorf, ist gelernter Wirtschaftsredakteur. Er studierte Volkswirtschaft in Köln und London, arbeitete ein halbes Jahr in einer Pressestelle in Mumbai/Indien und danach als freier Wirtschaftsjournalist sowie als Redakteur bei"Die Woche" und"brand eins". Seit 2002 ist er als Autor, Redakteur und Ghostwriter im Auftrag von Agenturen und Industrieunternehmen tätig. Ende 2018 erhielt Driesen für eine Kurzgeschichte den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr. Im Juli 2019 erschien im Kadera-Verlag sein Roman"Schalttagskind&quo ;. Der Autor lebt in Hamburg und schreibt nebenbei das Blog Zeilensturm (www.zeilensturm.de).

Kapitel 1: Werfen Sie, Westerholdt!

Heute war ein guter Tag für eine Hinrichtung. Westerholdt sah es kommen, bevor der Agenturfuzzi überhaupt die Chance ­hatte, für irgendwelche Erklärungen den Mund zu öffnen. Das war genau betrachtet keine prophetische Gabe, nur Erfahrung. Der 72-jährige Westerholdt mit seinem stets sorgfältig gescheitelten weißen Haarschopf und den tiefen Tränensäcken war seit 22 Jahren Aufsichtsratschef der Wamabag. In der Verwaltungszentrale der Wattenscheider Maschinenbau AG konnte er die Todgeweihten mit verbundenen Augen erkennen. Auch das war keine Hexen­kunst, er folgte einfach dem Geruch. Und der Agenturfuzzi verströmte ganz deutlich das Aroma einer letzten Ölung. Er war ein Toter im Wartestand, der sein Urteil auf der Stirn geschrieben trug. Nur hatte er nicht in den Spiegel schauen können, um es zur Kenntnis zu nehmen, seit er diesen Saal betreten hatte.

Aber Westerholdt sah es, und wahrscheinlich sah es jeder der übrigen neun am Tisch Platzierten. Sie waren ja alle lang genug dabei. Selbst Estelle de Maizière, mit ihren erst 36 Lenzen schon Kommunikationschefin der Wamabag, schien etwas zu ahnen. Sie nestelte zunehmend nervös am Kragen ihrer extrem teuren silbergrauen Seidenbluse unter dem Nadelstreifen-Blazer, während ihre Augen alarmiert zwischen der Projektionsleinwand an der Stirnseite des palisandergetäfelten Raumes und dem ölig schwarzen Schopf des ahnungslosen Toten hin und her wanderten. Besser wär’s, dachte Westerholdt, sie ahnte etwas. Es war ihr zu verdanken, dass die De-facto-Leiche hier angetanzt war.

Der Agenturfuzzi hatte einen Fehler gemacht. Na gut, er hatte drei gemacht: Er hatte eine falsche Berufsentscheidung getroffen, als er in die Werbung gegangen war. Er hatte von irgendwelchen Praktikanten den idiotischsten Slogan der Welt ausbrüten lassen. Aber vor allem hatte er den Slogan in diesem von goldgerahmten Porträts früherer Vorstandschefs gezierten Konferenzraum, vor aller Augen, mit dem Beamer an die Leinwand projiziert, wo die Buchstaben und Wörter nun deutlich lesbar leuchteten. Schon bevor die Sitzung begonnen hatte. Schon bevor der Alte überhaupt hereingekommen war. Schlimm. Armer Mann.

W eltweit

A ktives

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Jetzt geht gleich das Gemetzel los, dachte Westerholdt, während der Agenturfuzzi sich eine Öl-Strähne aus der tiefen­gebräunten Stirn wischte und, mit vorgerecktem Kinn Souveränität simulierend, über den Tisch gelehnt die Einstellknöpfe seines Beamers zu korrigieren vorgab. Der Mann hatte bestimmt eine Art Vortrag einstudiert, der Ärmste. Die Zeiger auf der Fünfzigerjahre-Uhr über der Eingangstür ruckten auf Punkt elf, und als ob es dieses Signals bedurft hätte, verstummte das letzte Gesprächs­gemurmel im Raum.

Beide Flügel der schweren Eichentür wurden gleichzeitig aufgerissen. Ein kühler Windhauch streifte die elf bereits Versammelten, gefolgt von einem Donnergrollen: Konrad Klapps Bassbaritonstimme, die Naturgewalt aus der Fülle von 120 Kilogramm Lebendgewicht, verteilt auf 201 Zentimeter Gardemaß. Der Besitzer der Stimme blinzelte aus zusammengekniffenen Schweinsäuglein angewidert ins grelle Licht der Projektion. »Entschuldigen Sie, dass ich offensichtlich zu spät bin. Vielleicht mögen Sie mich gnädigerweise darüber ins Bild setzen, was Sie