ZWEI
Mittwoch, 12. August 2015
Niedersachsen: Kreisverwaltung Luhburg, Haidstedt
Der 220er Diesel hat Luhburg verlassen und fährt auf der Kreisstraße nach Süden. Jens Olsen hört gerne den ehrlichen Dieselklang, der Verlässlichkeit ausstrahlt und Vertrauen gibt. „Nun meckern die Weltverbesserer auch noch am Diesel rum“, ärgert er sich, „dabei galt er lange als umweltfreundlich.“ Noch gut erinnert er sich, wie er als kleiner Junge, auf zwei hohen Kissen sitzend, mit seinem Vater zum ersten Mal den alten 180er Ponton auf der großen Weide fahren durfte und durch den blitzenden Mercedesstern die hohe Eiche anpeilte. Er hatte sogar selbst vorgeglüht und dabei mit Spannung den sich langsam rot verfärbenden Glühdraht am Armaturenbrett beobachtet. „Ja, Vater machte die Landwirtschaft noch Spaß, aber heute …?“, denkt er.
Neben der Kreisstraße sind die meisten Felder bereits abgeerntet. Das lang anhaltende August-Hoch beschert den Bauern eine frühe Getreideernte. Nun geht auch dieser heiße Sommertag allmählich zu Ende. Olsen überholt einen langsamen Pkw mit Wohnwagen. Auf dem Autodach ist ein Kanu festgeschnallt und innen sitzt fröhlich eine Familie mit Kindern, die wohl aus dem Urlaub kommt und nach Hause fährt. „Uns geht’s schon verdammt gut, da hat der Landrat ja recht. Wir müssen nicht über das Meer fliehen, kein Geld an verbrecherische Schlepper zahlen und nicht mit Kindern an der Hand durch den Balkan hetzen, weil die eigenen Häuser bombardiert werden oder irre Islamisten andersgläubige Frauen vergewaltigen oder vor laufenden Kameras Männer köpfen.“
Olsen gehen die Bilder mit flüchtenden Familien und den Gräueltaten der IS-Terroristen nicht aus dem Kopf, die er fast täglich in den Nachrichtensendungen sieht. „Aber es ist ein großer Unterschied, ob man Flüchtlinge anonym im Fernsehen sieht oder ob sie in der Nachbarschaft wohnen“, denkt er und wird wieder zornig. „Und dann dieser verdammte Islam! Die Araber schwimmen im Geld, warum können die sich nicht um ihre Glaubensbrüder kümmern? Was sollen die Flüchtlinge hier in Deutschland? Sie verstehen unsere Sprache nicht, sie kennen unsere Freiheit nicht, sie akzeptieren unsere Gesetze nicht und sie begreifen unsere Demokratie nicht. Und dann sperren sie noch ihre Frauen und Mädchen weg, behindern deren Bildung und erzwingen das Tragen von diesen blöden Kopftüchern.“
Bürgermeister Olsen war heute Nachmittag mit einem mulmigen Gefühl zum Landrat gefahren, nachdem er sich bereits über das kurzfristig einberufene Gespräch gewundert hatte. Dass er nun aber die alte Haidstedter Schule herrichten soll, um 60 Flüchtlinge aufzunehmen, war ein Schock. „831 Einwohner und 60 Flüchtlinge, wie soll das gehen?“, hatte er seinen langjährigen Parteifreund angeschrien. „Und dann verlangst du gerade von mir, dass ich mich für diese Leute einsetze? Es sind erst vier Jahre vergangen, da hast du mir hoch und heilig versprochen, mich zu unterstützen, wenn ich deine Hilfe benötige. Sieht so dein Versprechen aus?“
Mit ungewohntem Ernst hatte Landrat Dirk Stevens um Verständnis geworben: „Es kommt eine Riesenwelle auf uns zu. Hunderttausende sind auf der Flucht und die meisten wollen nach Deutschland.“ Als sich Olsen weigerte und verärgert das Zimmer verlassen wollte, war der Landrat aufgesprungen, hatte ihn an den Schultern gefasst und ihm in die Augen gesehen. „Jens, ich weiß doch auch keinen anderen Rat. Lass mich bitte nicht hängen. Wenn gerade du dich für die fremden Flüchtli