: Bettina Lausen
: Die Erinnerung riecht nach gelben Kamelien Historischer Roman
: Piper Verlag
: 9783492987479
: 1
: CHF 6.20
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die tragische Geschichte eines Liebespaares, das zweimal durch den Krieg getrennt wird - für alle LeserInnen von Hanni Münzer und Melanie Metzenthin »Er lächelte sie an und küsste sie - ein Zukunftsversprechen. Und plötzlich roch es nach gelben Kamelien und Hoffnung.« Carolin lebt allein mit ihrem Vater. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, ihre Familie kennenzulernen, aber der Vater schweigt. Als er stirbt, scheint ihr Traum verloren. Doch als auf der Beerdigung ihre Großmutter auftaucht, beginnt eine Reise in die Vergangenheit: Frida erzählt von ihrer Liebe zu Erwin, ihrer Trennung durch Hitlers Krieg und ihrem Wiedersehen in Ostpreußen nach seiner Verwundung. Aber bei der Flucht vor der Roten Armee gelangt Erwin an Bord der Gustloff, während Frida das unheilvolle Schiff verpasst. Alles, was ihr bleibt, ist die Erinnerung an gelbe Kamelien. »Ich empfehle dieses Buch, das ein trauriges Kapitel der deutschen Geschichte anhand eines Einzelschicksals zum Thema macht, uneingeschränkt weiter.«  ((Leserstimme auf Netgalley)) »Ein historischer Roman der Extraklasse!«  ((Leserstimme auf Netgalley)) »Ein gelungener Mix aus glaubhafter Lebens- und bittersüßer Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund. Wunderbar gefühlvoll erzählt, lässt die Handlung den Leser regelrecht an den Seiten kleben, während er sich als unsichtbarer Beobachter alles miterlebt. Absolute Leseempfehlung!«  ((Leserstim e auf Netgalley))

Bettina Lausen, geboren 1985, lebt mit ihrer Familie in Haan und hat einen Bachelor in Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Literatur und Geschichte. Sie hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, ihr Herz schlägt dabei für das Historische. Seit 2018 gibt sie Kurse fürs kreative Schreiben und verfasst Artikel für die Fachzeitschrift »Federwelt«. Mittlerweile ist sie auch als Schreibcoach und Lektorin tätig.

Kapitel 2


Haan, Mai 2009


Die Rede des Priesters rauschte an Carolin vorbei. Sie versuchte, sich auf die Worte zu konzentrieren, dennoch glitt ihr Blick immer wieder zu der alten Dame vier Sitze neben ihr. Sie trug einen knielangen karierten Rock, eine Seidenstrumpfhose und unter der schwarzen Jacke eine weiße Bluse. Ein erwartungsvolles Kribbeln breitete sich in Carolins Körper aus. Die Dame war bestimmt keine Kundin. Nein, eine Kundin hätte sich, wenn sie zu spät gekommen wäre, ganz hinten einen Platz gesucht. Und dann diese Gesichtszüge. Vielleicht war sie mit ihrem Vater verwandt … Oder spielte der unbändige Wunsch nach einer Familie Carolin einen Streich?

Der Priester gab Annika ein Zeichen. Sie ging zu dem Stuhl neben dem Sarg und nahm die Gitarre, die man ihr bereitgestellt hatte. Sie schloss die Augen und begann, »Over the rainbow« zu spielen. Ihre Stimme hallte durch die Kapelle und bescherte Carolin eine Gänsehaut.

Ob ihr Vater diese Stimme auch hören konnte? Sie hatte sich bisher kaum mit dem Tod beschäftigt, hatte keinen Schimmer, wo er jetzt sein könnte. Als Annika eine Oktave höher sang, war es um Carolin geschehen: Ihre Leere platzte in der Melodie des Liedes auf und ließ Tränen über ihre Wangen fließen.

Die alte Dame weinte auch, wischte sich mit einem Taschentuch übers Gesicht. War sie bloß von dem Lied und der Atmosphäre ergriffen, oder trauerte sie um Alfred Franzen?

Der letzte Akkord klang lange in Carolin nach und ließ ein Gefühl von Schwerelosigkeit zurück. Sie hätte ihrer Freundin stundenlang zuhören können, doch Annika legte die Gitarre beiseite und setzte sich wieder auf ihren Platz.

Der Priester sprach ein paar Abschlussworte, redete von der gemeinsamen Zeit mit dem Verstorbenen, von dem Vertrauen auf Gott und davon, in der Trauergemeinde Kraft für die kommende Zeit zu schöpfen.

Dann kamen sechs Männer und trugen den Sarg aus der Kapelle. Carolin schloss sich mit Annika direkt dem Sarg und dem Priester an. Die alte Frau mit dem Rollator folgte ihnen. Der Regen hatte aufgehört, dafür wehte Carolin ein kühler Wind durch die Haare. Sie musste den Blick vom Sarg abwenden, um nicht von ihren Gefühlen überwältigt zu werden. Der Trauerzug passierte auffällig gestaltete Gräber mit Lichtern, Engelfiguren und vielen Blumen, Grabsteine mit Jesus am Kreuz und das Gemeinschaftsgrab der Gemeindepriester. Er bog rechts ab und stoppte vor einem ausgehobenen Grab. Der Priester nahm daneben Aufstellung, breitete die Arme aus und betete.

Carolin sah auf das Loch, in das ihr Vater hinabgelassen wurde. Versinken in der Finsternis. Abschied für immer. Hätte sie gewusst, was passieren würde, hätte sie ihn am Dienstag nicht allein aus dem Haus gehen lassen. Sie wäre mit ihm zum Arzt gefahren, vielleicht wäre er dann noch am Leben. Aber woher hätte sie es wissen sollen? Es hatte beim Frühstück keine Anzeichen für einen Herzinfarkt gegeben.

Annika zog an ihrem Arm und wies auf den Korb mit den Blumen. Carolin nahm eine Rose und trat ans Grab. Welche Worte sollte sie an ihren Vater richten? Ihr Kopf war leer, ihre Gedanken eingehüllt wie von einem Nebelschleier. Es gab so vieles, das sie ihm zu Lebzeiten hätte sagen wollen, doch ihre Gedanken an einen Toten zu richten, kam ihr vergeblich vor.

»Vergib mir, Vater!«, formten ihre Lippen lautlos, ohne zu wissen, was ihr Vater ihr vergeben sollte. Sie machte Platz und stellte sich an den Rand, um die Beileidsbekundungen entgegenzunehmen. Die alte Dame kam auf sie zu und befreite sie aus den Gedanken. Ein Funke Hoffnung glomm in ihr, dass sie selbst nicht die Letzte in ihrer Familie war. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, die Dame zu fragen, wer sie war.

»Woher kennen Sie meinen Vater?«

Das Gesicht der alten Frau erhellte sich. »Sie sind also die Tochter.« Sie tätschelte Carolins Hand. Sie hatte Altersflecken im Gesicht, am Brustbein hatte sich eine Kuhle gebildet, aber die Gesichtszüge ließen vermuten, dass sie eine ansehnliche Frau gewesen war.

»Und wer sind Sie?« Carolin konnte die Ungeduld in ihrer Stimme nicht verbergen.

»Ich, meine Liebe, bin Alfreds Mutter, also Ihre Großmutter.«

Carolin musste lachen und hätte gleichzeitig weinen können, ein allumfassendes Kribbeln erfasste ihren Körper. Sie hatt