: Sabine Brandenburg
: Waldmädchen
: Books on Demand
: 9783752654042
: 1
: CHF 6.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 164
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Kind konnte Klara fliegen, ein unbeschreibliches Gefühl! Sie erzählte niemandem davon, auch nicht vom Waldmädchen, mit dem sie drei Tage in der Wildnis verbrachte. Oder hat sie sich das alles nur eingebildet? Nun liegt sie nach einem Schlaganfall in einer Klinik, aber sie glaubt nicht an diese Diagnose, denn in ihrem Kopf funktioniert alles einwandfrei. Auch sprechen kann sie, aber das behält sie vorerst noch für sich. Im Bett nebenan liegt die achtzigjährige demenzkranke Karla, deren Familiendrama sich in Hörweite abspielt, und dann ist da noch Amanda, die russische Krankenschwester. Sie schaut manchmal so komisch, als ahnte sie, dass diese Patientin ein bisschen simuliert. Eines Tages muss sich Karla gegen eine Familienintrige zur Wehr setzen und braucht Klaras Hilfe.

Sabine Brandenburg-Frank, 1957 in Pforzheim geboren, machte nach dem Abitur eine Goldschmiedelehre und studierte Schmuckdesign und Literaturwissenschaft in Düsseldorf. Nach ihrer Promotion begann sie, Romane zu schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann als freie Designerin, Autorin und Winzerin in Staufen bei Freiburg.

Fliegen


Ich bin nie gerne früh aufgestanden, aber heute ist so ein Tag - vier Uhr morgens. Obwohl ich ihn nicht mehr brauche, steht ein Wecker auf meinem Nachttisch und zeigt bürokratisch korrekt die Zeit an. Das Fenster ist ein graues Rechteck, aus der Dunkelheit des Zimmers herausgeschnitten.

Zartes Fiepen draußen, der erste Vogel. Ich weiß nicht mehr, welche Vogelart morgens zuerst den Schnabel aufsperrt, um Langschläfern wie mir das Leben schwer zu machen: Hausrotschwanz, Amsel, Singdrossel, Rotkehlchen. Mein Vater hätte es gewusst, er war ein wandelndes Lexikon für alles, was mit Natur zu tun hat, und nicht nur dafür - egal, morgens um vier ist Vogelgezwitscher für Menschen wie mich nichts weiter als traumaustreibender Lärm. Aber heute höre ich es gern.

Ich lausche der kleinen Stimme, die gerade jetzt, in diesem Moment, das Singen neu erfindet. Manchmal wird sie rau wie Sandpapier, das immer neue klare, seidenglatte Töne herausschleift. Der Vogel kann nicht ahnen, welche Endorphine durch seinen Gesang in einem einsamen menschlichen Gehirn ausgeschüttet werden, er singt, weil er muss, weil sein genetischer Code ihm vorschreibt, auf diese Art sein Revier zu verteidigen und sein Weibchen bei Laune zu halten. Er verfolgt also ganz und gar eigennützige Interessen, während er mir so neben