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So nah waren sie dem Himmel noch nie gekommen: Die makellose Unendlichkeit über der Piazza del Campo, darunter die Stadt Siena in ihrem Festgewand aus Gotik und Renaissance und mittendrin er mit Sybille an einem kleinen runden Caféhaustisch.
Die Luft erfüllt vom babylonischen Stimmengewirr der Touristen, ein ständig auf und ab brandendes Plaudern, Lachen und Rufen, dazwischen italienische Popmusik. Der klare Klang der Kirchenglocken hebt sein Herz empor. Wie auf einer Insel außerhalb der Zeit sitzen Sybille und er inmitten des Gewimmels, gut behütet unter den strengen Blicken der Kellner. Alles zusammen eine beeindruckende Choreografie durch die Hand eines großen Meisters, der keinen Aufwand gescheut hat, um genau diesen Moment perfekt zu erschaffen.
Das ist ihr Moment. Der Moment, in dem sich die ganze Welt nur um sie dreht, weil sie sich in diesem Moment selbst die ganze Welt sind. Ein Moment ohne Angst und Sorgen, ohne Kriege und Gefahren, ohne Krankheit und Tod, ohne das Böse in der Welt, das Gierige, das Rachsüchtige und Hartherzige. Ein Moment, in dem alles um sie herum im Einklang steht. So perfekt wie nur eine Illusion es sein kann.
Überwältigt wagen sie kaum sich zu bewegen, zu sprechen noch weniger. Wortlos reichen sie einander über das Mamorrund hinweg die Hände, als bräuchten sie Halt in so schwindelerregender Höhe. So nah waren sie dem Himmel noch nie gekommen.
»Deine Idee mit der Reise war wundervoll«, flüstert Rolf vorsichtig, um das perfekte Schweigen zwischen ihnen nicht zu verletzen. Doch obwohl der Zauber dieses besonderen Moments noch immer andauert, hat er durch die Verwendung des kleinen Wörtchens war unbewusst bereits damit begonnen, diesen in eine Erinnerung zu verwandeln. Vielleicht, weil nur in der Erinnerung das perfekte Glück auf Dauer zu ertragen ist?
Auch Sybille entzieht sich dem Augenblick. Unbekümmert lässt sie ihre Gedanken vorauseilen.
»Wir könnten noch ein paar Tage dranhängen«, flüstert sie zurück. »Zu Hause läuft uns nichts davon.«
Er lächelt nur.
Inzwischen hat der Nachmittag seinen goldenen Zenit überschritten. Es wird Zeit, Pläne für den Abend zu schmieden.
»Wollen wir in der kleinen Trattoria zu Abend essen, an der wir gestern vorbeigefahren sind?«, fragt Rolf.
»Was hältst du von einem kleinen Umweg?« Sybilles Blick funkelt vielsagend. »Wir könnten einen Stopp auf der Wiese einlegen, auf der wir gestern unser Picknick hatten. Um diese Zeit sind wir sicher allein dort.«
Ein zarter Sog erfasst beide, umspielt sie wie eine sanfte Dünung. Genüsslich schieben sie ihren Aufbruch vor sich her, kosten ihre Erwartungen aus. Dann, ohne ein Wort, nicken sie einander zu und erheben sich einvernehmlich.
Auf einmal haben sie es eilig. Sie können es kaum abwarten, die Stadt hinter sich zu lassen. Ungeduldig wirft Rolf einen Geldschein auf den Tisch und ohne das Wechselgeld abzuwarten, eilen sie zum Wagen und fahren los.
Wie im Traum fliegen sie in ihrem Cabrio über die zypressengesäumten Hügel und Täler. Ein Sommerwunderland nur für sie. Der Wechsel von Schatten und Sonne in den langgezogenen Alleen wirft ihnen verspielte Lichtreflexe in die Augen. Völlig benommen erreichen