: Andreas Gößling
: Im Tempel des Regengottes
: MayaMedia Verlag
: 9783944488530
: 1
: CHF 11.50
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 100
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mittelamerika, um 1870: Der junge englische Künstler und Abenteurer Robert Thompson reist auf den Spuren seines Vorbilds, des berühmten romantischen Malers Frederic Catherwood, nach Mittelamerika. Dort gerät er in die Fänge skrupelloser Schatzjäger, die ihn dazu verleiten, mit ihnen den sagenhaften Goldschatz aus der untergegangenen Mayastadt Tayasal zu suchen. In ihren gigantischen Tempelstädten tief im Dschungel erwarten die Maya-Völker die Ankunft ihres Befreiers, der in ihrer Überlieferung angekündigt und in uralten Kunstwerken abgebildet ist. Als die Priester und Seher der Maya in Robert den Befreier zu erkennen glauben, gerät er zwischen die Fronten eines kriegerischen Konflikts, in dem sich seine romantischen Untergangssehnsüchte auf grausame Weise zu erfüllen drohen ... »So spannend wie>Die Maya-Priesterin< ... ein Abenteuerroman in schwarzromantischer Tradition.« (Angelika Irgens-Defregger, Bayerische Staatszeitung) »Aufwühlend, berauschend und oft auch schockierend« (Heike Rau, leselupe.de)

Andreas Gößling, geboren 1958 in Gelnhausen. Der promovierte Literatur- und Kommunikationswissenschafter beschäftigt sich seit vielen Jahren mit kultur- und mythengeschichtlichen Themen. Neben Romanen für erwachsene und junge Leser hat er zahlreiche Sachbücher publiziert und Forschungsreisen unter anderem im karibischen und südostasiatischen Raum unternommen. Andreas Gößling lebt mit
Andreas Gößling Im Tempel des Regengottes Ein schwarzromantisches Abenteuer Roman Edition Marbuelis - Band 4 (c) Edition Marbuelis im Verlag MayaMedia, Berlin EINS 1 Robert lag in seinem Boot, ausgestreckt in der lauen Lache, die Schultern an die Heckwand gelehnt. Langsam glitt das Kanu dahin, auf den trägen Fluten des New River, unter dem flirrend grünen Gewölbe, zu dem sich sieben Fuß über ihm der Regenwald verflocht. Auf Ästen knapp über dem Wasser lagen Leguane auf der Lauer, moosfarben und starr wie Skulpturen aus Stein. Blaureiher standen auf Baumstümpfen inmitten der Strömung, hochbeinig, die Hälse lotrecht erhoben, ihre langen, dünnen Schnäbel wie Gedankenstriche im Dämmerlicht. Roberts Kanu glitt durchs Wasser, das rötlichbraun und warm wie lebendiges Blut war, und die Sonne streute helle Sprengsel auf die Wellen, die wieder und wieder über die Wasserfläche rollten, wie Schauer über nackte Haut. Auf einmal hörte er ein Klopfen, leise, doch beharrlich. Unmöglich, dachte er, zum Blätterdach emporblinzelnd, hier gab es weit und breit keine Menschen, niemanden, der mit Hämmern oder Klöppeln schlug. In einer Palmkrone am linken Ufer entdeckte er einen Papagei, der mit seinem massiven Schnabel auf eine Kokosnuss einhieb. Ach du bist das, dachte er. Da ließ der Papagei von der Kokosnuss ab und stieß ein Krächzen aus, missgelaunt, wie nur Menschen sein können, und noch seltsamer war, dass jenes Klopfen weiter durch den Dschungel hallte, lauter jetzt, dröhnend wie Faustschläge auf Holz. »Mr. Thompson, ist Ihnen nicht wohl? Nehmen Sie heute keinen Tee?« Die krächzende Stimme klang unangenehm vertraut. Und dazu klopfte es wieder und wieder, und das Kanu zerfiel, und der ganze Regenwald verdampfte im Nu, während Robert mit einem Satz aus Traum und Bett fuhr: »N-nein, Mrs. Molton, nicht sehr wohl und keinen Tee, bitte - verzeihen Sie ...« Noch mehrere Augenblicke stand er an der Tür seines Pensionszimmers in Molton House. Ein Ohr an das Türblatt gelegt, lauschte er nach draußen, wo nichts zu hören war, nur das leise Klirren hauchfeinen Geschirrs. In seinem Kopf erklang immer noch jenes Klopfen, aber schmerzhaft jetzt, stoßweise, und als er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, war seine Haut mit klammem Schweiß bedeckt. »Um die Wahrheit zu sagen, Mrs. Molton«, murmelte er, »ich habe einen Kater, schon wieder. Zu viel Rum gestern Abend, verstehen Sie?« Nein, das würde Mrs. Molton, ehrbare Offizierswitwe und Mitglied der »Anglikanischen Organisation Ihrer Majestät zur Bekehrung der Urwaldindianer«, sicher nicht verstehen. Robert wandte sich um und zog sich das knöchellange Leinennachthemd über den Kopf. Im Traum war er nackt gewesen oder allenfalls gegürtet mit einem Lendenschurz. Und die schlanke braune Gestalt, die im Kanu vor ihm auf der Ruderbank gesessen und das Boot hin und wieder mit dem Paddel auf Kurs gehalten hatte ... Robert schluckte, sein Mund auf einmal wie verdorrt. Nackt und mager tappte er zum Waschtisch, durch das Halbdunkel seines Zimmers, das mit all den echt britischen Zierdeckchen und Paradekissen und blankäugig stierenden Porzellanpüppchen angefüllt war, vor denen er doch hierher hatte fliehen wollen, nach Fort George, Britisch-Honduras, in die grenzenlose Freiheit der karibischen Kolonie. Das Dumme war nur, dass ihm der Regenwald dort draußen, die dampfende, vielstimmig rufende Wildnis, eine Furcht einflößte, so rätselhaft und unbezwingbar wie seine Sehnsucht nach Dschungel und Abenteuer, die ihn schließlich hierhergelockt hatte, vor Wochen schon. Im Rasierspiegel über dem Waschtisch erspähte er das Antlitz der Königin, die golden gerahmt über seinem Bett hing und ihn mit vorwurfsvollem Blick verfolgte, seit er hier eingetroffen war. Da sprang Robert zum Fenster und zog die schweren, altrosafarbenen Musselinvorhänge auf. Vom Mittagslicht überflutet, wandte er sich zu Queen Victoria um. »Bei meiner Ehre, Majestät«, sprach er, und mit einem Mal klopfte sein Herz noch heftiger als der Katerschmerz in seinem Kopf, »ich bin hierhergekommen, um im Dschungel mein Glück zu suchen, und ich schwöre, dass ich vor Ablauf dieses Sommers in die Wildnis vordringen werde, und wenn es mich Leib und Leben kostet.« Unbewegt sah die Königin auf ihn herab, mit so kalter Missbilligung, dass Robert fröstelnd die Arme vor der Brust verschränkte. Doch unter der rechten Hand spürte er sein Herz, das noch immer rasch und heftig klopfte, wie eine Trommel tief im Regenwald. 2 Im cremefarbenen Tropenanzug, über der Schulter seine Tasche mit den nötigsten Zeichenutensilien, schlenderte Robert am Kai von Fort George entlang. Der neue Panamahut, den er noch an Bord der Brigantine Prince Albert erstanden hatte, bot enttäuschend wenig Schutz vor der Hitze der Karibik, die selbst hier, an der offenen Seeseite, niederdrückend war. Zu seiner Linken bemerkte er das blendend weiße Dampfschiff, das, weit draußen auf dem Meer noch, kegelförmige Wolken in den Himmel stieß. Die Trade Winds, dachte er, von New Orleans kommend, mit Dutzenden neuer Siedler, die in der Wildnis von Orange Walk, im Westen des Landes, ihr Glück versuchen wollten. Der Gedanke gab ihm einen Stich, doch nicht nur deshalb vermied er es, den Kopf zu wenden und hinaus aufs Meer zu sehen. Der steife, viel zu enge Hemdkragen scheuerte an seinem Hals. Miss Milly, das schwarze Hausmädchen in Molton House, pflegte die Wäsche der Pensionsgäste so gewaltsam zu stärken, dass sich frische Hemden mit leisem Krachen entfalteten, ein Geräusch, als zerbreche man Pappmaché. Mechanisch versuchte er, sich Linderung zu verschaffen, indem er mit einem Finger unter den Kragen fuhr. Zwei Uhr nachmittags musste vorbei sein, doch bis die Abenddämmerung ein wenig Kühle bringen würde, waren noch Stunden zu überstehen. Und dann? Er stieß einen Seufzer aus. Dann würde er sich unfehlbar wieder in die Mahogany Bar begeben und seinen Durst und seine Selbstbezichtigungen so lange mit Krügen voller Rum beschwichtigen, bis er die Hilfe eines Kutschers benötigte, der ihn tief in der Nacht die steile Holztreppe von Molton House mehr hinauftragen als geleiten würde. Aber nicht mehr lange, dann breche ich auf, dachte Robert und war sich längst nicht mehr so sicher wie vorhin in seinem Zimmer, vor dem Bildnis Ihrer Majestät. Nun, vorläufig wollte er sich, wie an jedem Nachmittag, in den Park von Government House verfügen, wo Palmen und Bougainvillea-Büsche ein wenig Schatten spendeten. Dort würde er ein weiteres Seestück zeichnen, abermals die malerische weiße Holzvilla des Gouverneurs skizzieren oder die mäßig beeindruckende St. John