: Marcel Kuoni
: Schweizertor
: Driftwood
: 9783907178119
: 1
: CHF 8.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 544
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In einer Novembernacht verschwindet im Prättigauer Dorf Grüsch ein Junge spurlos. Die eingeleitete Suche nach dem Vermissten wird nach wenigen Tagen erfolglos eingestellt. Die spärlichen Hinweise, die bei der Kantonspolizei Graubünden eingehen, erweisen sich alle als falsch. Es meldet sich auch weder ein Entführer, noch wird eine Lösegeldforderung gestellt. Niemand hat etwas gesehen. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Bis plötzlich, Wochen später, der Junge ganz unerwartet wieder auftaucht. Die Ermittlungen ergeben, dass der Bauernsohn offenbar die ganze Zeit über in einem Keller eingesperrt gewesen war. Luis Egger und seine Ermittler von der Abteilung Gewaltverbrechen machen sich auf die Suche nach dem Keller. Und somit auch auf die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Doch dann wird das Dorf erneut in eine Schockstarre versetzt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem unter anderem auch der Ruf der Polizei auf dem Spiel steht.

TEIL ZWEI

Wenn auch die Wunde heilt, bleibt die Narbe.

Ungarisches Sprichwort

1

Dienstag, 31. Januar, 05.10 Uhr

Erwin Loretz war ein Gewohnheitsmensch. Werktags stand er jeden Morgen um fünf Uhr früh auf. Im Badezimmer rasierte er sich, wusch sich mit lauwarmem Wasser das Gesicht und kämmte die Haare, die trotz seiner fast sechzig Jahre noch immer voll und kräftig wuchsen.

Nach der Morgentoilette ging er in die Küche und schaltete die schwarze Kaffeefiltermaschine ein, die in der Ecke neben dem Kochherd stand. Ein altes Modell, an dessen morgendliches Gurgeln und Röcheln er sich schon lange gewöhnt hatte. Ein Geschenk seiner Frau Lydia, das er vor vielen Jahren zum Geburtstag bekommen hatte. Aber genau sie war es, die ihm schon seit geraumer Zeit immer wieder nahelegte, die alte Kaffeemaschine doch endlich durch eine neue mit Kapseln zu ersetzen.

Nein. Solange ein Gerät funktionierte, sah Erwin Loretz keinen Sinn darin, es zu entsorgen. Neu hiess für ihn nicht zwingend auch besser. Das kannte er von all den zahlreichen Vertretern, die ihm bei jeder Gelegenheit eine neue Maschine aufschwatzen wollten. Mal eine modernere Tischkreissäge, mal eine bessere Hobelmaschine oder wie neulich eine benutzerfreundlichere Drechselbank. Doch was war an diesen Maschinen besser oder benutzerfreundlicher als an den meisten Maschinen, die seit Jahren in seinem kleinen Schreinerei- und Drechslereibetrieb standen und ihren Dienst nach wie vor zur vollen Zufriedenheit des Besitzers erfüllten?

Gar nichts.

Am Ende war die Holzbearbeitungsmaschine ja nur Mittel zum Zweck, denn die Qualität des hergestellten Produkts hing noch immer vom handwerklichen Geschick des Machers ab und nicht etwa von der Modernität der eingesetzten Maschine. Zudem wäre für Erwin Loretz die Anschaffung einer neuen Maschine primär mit einer grossen Investition verbunden.

Erwin Loretz schaltete die Kaffeefiltermaschine aus, nahm die gefüllte Tasse in die Hand und setzte sich auf die hölzerne Eckbank. Er schaute durchs Fenster, das rechts von ihm den Ausblick auf die noch in der Dämmerung liegende, verschneite Landschaft freigab.

Er schätzte diesen morgendlichen Blick in die aufwachende Natur, das langsame Anbrechen des Tages. Die Ruhe, die das an den nördlichen Hängen von Fanas gelegene Gebiet Plandadein umgab.

Auf dem Tisch stand eine Schale mit Zucker, aus der er zwei Kaffeelöffel entnahm und in den dampfenden Kaffee schüttete. Er trank in kleinen Schlucken und dachte dabei an den bevorstehenden Arbeitstag. In der Schreinerei wartete viel Arbeit auf ihn. Bis am Abend musste der alte Kleiderschrank, den er für einen Kunden restaurierte, fertig sein.

Das Haus besass einen direkten Zugang zur Werkstatt. Erwin Loretz zog die Hausschuhe aus und die Arbeitsschuhe an. Dann öffnete er die Tür. Die Werkstatt, deren Längsseite eine Fensterfront mit Blick in Richtung Süden schmückte, empfing ihn wie jeden Morgen mit dem Geruch von frischem Holz. Für Erwin