1.
Montag, 25. November 2019, Mortensnes/Varangerfjord, Arktis.
Sonnenaufgang: 9:59 Uhr, Sonnenuntergang 11:33 Uhr
Tageslänge: 1 Stunde 34 Minuten
Eine Schneeflocke.
Sie war winzig, fast noch ein Kristall. Sie schwebte hinunter aus dem grauen Himmel, tanzte über die Felsen und wurde dann vom Sog des Meeres erfasst, bevor sie, zwei Fuß über dem bemoosten Grund, verschwand.
Cahki, dachte Ravna, die sie beobachtet hatte. Passt das zu ihr? Klein, etwas Eis … nein. Wir Samen kennen über zweihundert Wörter für Schnee. Grauer Schnee. Von Rentieren gestampfter Schnee. Schnee, der in den Fellen der Hunde hängen bleibt. Nasser Schnee im Frühling. Gefrorener Schnee auf Bäumen. Aber die erste Flocke, die den Winter ankündigt und die Polarnacht und die Lichter der Götter am Firmament – welchen Namen geben wir ihr?
»Hallo?«
Ein Hieb in den Rücken. Mikkel tauchte vor ihr auf. Das verschlagene Glitzern in seinen Augen verriet, dass er nur auf diesen Moment gewartet hatte.
»Schläfst du? Hier.«
Er hielt ihr die Rolle mit dem Absperrband entgegen. Der Schlag hatte wehgetan, und eine Sekunde lang fragte sich Ravna, wie der Schnee heißen würde, mit dem sie ihm gerne eine Abreibung verpassen würde.
»Aufspannen. Von da«, er deutete auf den Bärenstein, einen riesigen Felsbrocken, »bis da.« Ein windschiefer Zaun, der das Plateau vom Tal trennte.
Sie griff nach dem Band und Mikkel stapfte wieder davon.
Es war kalt. Nur ein paar Grad über null. Was verdammt noch mal mache ich hier?, fragte sie sich und sah hinüber zu den Polizisten, die sich über den Toten beugten.
Du beißt die Zähne zusammen und stehst das durch, hörte sie die Stimme ihrer Schwester Inga im Kopf.Es sind doch nur sechs kurze Wochen. Danach kannst du drei Jahre auf die Polizeischule in Oslo. Großstadt, Baby! Glitzernde Lichter, Bars und Restaurants. Und vor allem andere Typen als der fette Mikkel, der dich schon in der Grundschule gemobbt hat.
Der Wind holte tief Luft und blies eine Böe über den Varangerfjord. Das graue Wasser kräuselte sich, ein paar matte Wellen schwappten ans Ufer. In der Ferne des Nordens das große Nichts. Die Einsamkeit der Arktis. Mortensnes. Schon immer ein ganz besonderer Platz mit Opferstätten, Steinkreisen und Labyrinthen. Walfänger, Händler und Fischer hatten sich hier seit Anbeginn der Zeiten getroffen. Wilde Rentiere, Bären und Wölfe. Ein breiter, sanft abfallender Hang, der einen überwältigenden Blick auf das Meer zur einen und die Felsen zur anderen Seite bot. An dieser Stelle war der Fjord schon fünf Kilometer breit. Das andere Ufer war nur noch schemenhaft zu erkennen. Bei Kiby verbreiterte sich das Wasser noch mehr und wurde Teil der Barentssee, des Eismeeres. Möwen kreischten. Die Fahnen vor dem Museumsbau an der Straße knatterten im Wind.
Das weite Gelände war zum Kulturerbe erklärt worden, es lag an der schmalen Küstenstraße, die erst hundert Kilometer weiter oben in Vardø enden würde: in der letzten Stadt vor dem Nordpol.
Von dort näherte sich ein Campmobil, bog ab, fuhr auf den Parkplatz vor dem Museum und hielt an. Die Türen öffneten sich, ein Ehepaar in Wanderausrüstung stieg aus.
Mikkel machte eine Kopfbewegung in Ravnas Richtung. Sie lief dem Paar entgegen, das erst jetzt die Polizisten und den Krankenwagen bemerkte – das einzige Gefährt zum Abtransport einer Leiche, das hier auf die Schnelle zu kriegen war.
»Halt. Stopp! Ihr könnt hier nicht weiter«, rief sie.
Die beiden blieben stehen und sahen sich ratlos an.
»Das ist ein Tatort.« Ravna hielt die Rolle mit dem Absperrband hoch. »Ich muss euch bitten, weiterzufahren.«
»Aber …« Der Mann zog ein Gesicht, als hätte sie gerade sein Geburtsrecht infrage gestellt, den heiligen Platz zu betreten, wann immer er wollte. »Wir sind extra aus Kirkenes hier hochgekommen.« Sein Norwegisch klang holperig. Ravna tippte auf Russen oder Esten.