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Als der Anruf kam, hockte ich in den Johannisbeeren. Mein Handy lag auf der Terrasse, und so musste ich mit knackenden Knien unter dem Netz hervorkriechen, das ich über die Buschreihe gespannt hatte, um die Vögel fernzuhalten. Nicht dass ich was gegen Vögel hatte, im Gegenteil, neben dem Blumengarten waren sie mein liebstes Hobby. Ich erkannte fast alle heimischen Singvogelarten am Zwitschern. Das hieß aber nicht, dass ich meine Johannisbeeren mit ihnen teilen wollte.
Als ich endlich beim Handy ankam, hatte der Anrufer aufgelegt. Gott sei Dank hatte ich kürzlich die Schriftgröße auf dem Display umgestellt (das ist der Beginn des körperlichen Niedergangs!) und konnte ohne Lesebrille erkennen, dass es Jonas gewesen war. Schon wieder?
Unser Sohn rief niemals an, wenn er keinen triftigen Grund hatte. Das letzte längere Telefonat war vor einem Jahr und drei Monaten gewesen. Immerhin hatte er uns damals mitgeteilt, wann Caro bestattet wurde. Wäre ja auch noch schöner gewesen, wenn er uns zur Beerdigung seiner Frau nur eine Karte geschickt hätte.
Wir waren nach Köln gefahren, hatten während der Trauerfeier abseits gestanden und mit niemandem groß geredet. Natürlich kondolierten wir Caros Eltern, und natürlich versuchte ich, unseren Sohn zu trösten. Was mir nicht gelingen konnte, denn ich hatte ihn zu dem Zeitpunkt seit drei Jahren nicht gesehen.
Den vierjährigen August hätte ich niemals wiedererkannt; er hatte mit dem pummeligen Kleinkind aus meiner Erinnerung keinerlei Ähnlichkeit. Er stand mit gesenktem Kopf neben Jonas und hielt seine Hand. Nach dem Beerdigungs-Kaffeetrinken hatte ich kurz Gelegenheit, mit dem Kleinen zu reden. »Du bist Papas Mama«, sagte August, und bevor ich überhaupt antworten konnte, »Meine Mama ist mein Schutzengel.« Er blickte zum wolkenlosen Himmel und zuckte mit den Schultern. »Schade, jetzt sind da keine Wolken. Mama wohnt im Himmel auf einer Wolke und passt auf mich auf.«
Ich fand ihn entzückend, er war gut erzogen und ausgesprochen hübsch, die blonden Locken waren für einen Jungen viel zu lang, aber es stand ihm.
Nach der Beerdigung seiner Mutter hielt ich es für unangemessen, ihm zu nahezukommen, schließlich war ich für ihn eine fremde Person und wollte mich nicht aufdrängen. Aber ehrlich gesagt, war ich total unsicher und wusste auch gar nicht, wie ich mit ihm hätte umgehen sollen. Zwar war er mein einziges Enkelkind, aber durch die besonderen Umstände, die den Umgangston in unserer Familie bestimmten, musste ich verhindern, mich gefühlsmäßig an den Kleinen zu binden. Damit war ich immer gut gefahren, denn wenn man den eigenen Enkel nicht kennt, weil man ihn nur zweimal in vier Jahren gesehen hat, ist eine emotionale Bindung eher ungünstig. Was mir beim letzten Treffen sehr schwerfiel, zugegeben, denn er war ein toller kleiner Kerl.
Und nun das.
Ich rief Jonas sofort zurück. »Hier ist Mama, entschuldige,