ACHT MONATE FRÜHER.
ODER EIN HALBES LEBEN ZUVOR.
1. Kapitel
Romeo
Die Hitze eines nackten Körpers nahm mir die verfluchte Luft zum Atmen. Ich blinzelte, konnte mich aber nicht bewegen, denn ein Arm lag schwer auf meinem Bauch, ein Kopf auf meiner Brust. Als die Frau im Schlaf seufzte und sich dabei enger an mich presste, strichen lange, tiefrote Haare über meinen Oberkörper. Noch immer hing in der Luft der Geruch nach Sex und ihrem süßen Parfüm, nach Schweiß und nach dem Gras, das wir geraucht hatten, um zumindest ein bisschen runterzukommen. Ich hatte die letzten drei Tage durchgemacht, war offensichtlich aber doch für wenige Stunden eingeschlafen. Auch wenn mein Kopf jetzt innerhalb von Sekunden hellwach war, spürte ich die Müdigkeit mit jeder Faser meines Körpers.
Unwillkürlich strömten Bilder des Wochenendes durch mein Bewusstsein. Die in Dunkelheit gehüllten Nächte, die zu einer einzigen verschmolzen waren. Die Clubs und das Streifen durch die Stadt, das michmüde gemacht, die Lines aus schneeweißem Pulver, die mich wachgehalten hatten. Da waren meine Songs, die sich über die Grenzen der Hauptstadt ausbreiteten, und die Menge, die meinen Namen skandiert hatte. Stories für Millionen Instagram-Follower. Stories, die mir beim Erinnern halfen, wenn die Zeit ihre scharfen Konturen verlor. Ich erinnerte mich an die Stunden imFakultativ, einem der kleineren Clubs. Eigentlich zu klein für meinen Erfolg und den Namen, den ich mir mittlerweile gemacht hatte, aber irgendwie war der Laden zum Treffpunkt meiner Leute geworden. Die Partys, die dort unter den Katakomben im Geheimen stattfanden – sie waren unser Zentrum, um das wir kreisten. Eine Momentaufnahme von Ben mit geröteten Wangen und dem silbernen Ring, der seine vollen Lippen teilte, schob sich zwischen die vielen Bilder. Ben, mit dem ich dort wieder einmal, verborgen vor den Blicken der anderen, rumgemacht hatte, weil ich es so drauf, wie ich gewesen war, zugelassen hatte. Weil ich mir dieses Verlangen nur in diesem Zustand erlaubte, auch wenn ich wusste, dass ich mich am nächsten Tag irgendwie … schmutzig fühlte. Irgendwie so verflucht falsch und benutzt. Doch je mehr ich dagegen ankämpfte, desto schlimmer drehten sich meine Gedanken, desto stärker wurde mein Verlangen – also gab ich ihm in solchen Momenten nach. Und es war ja nicht so, als wäre das in der Techno-Szene etwas, das die Leute nicht akzeptieren würden. Feiern, leben und leben lassen, Sex und Drogen. Als würde es da jemanden jucken, dass ich mich … auch zu Männern hingezogen fühlte. Aber gottverdammt,michjuckte es. Und die Fremde mit den roten Haaren, die vor wenigen Stunden mehrmals unter mir gekommen war, bestätigte doch, dass ich die Kerle eigentlich nicht brauchte. Schließlich war ich mitihrnach Hause gegangen und nicht mit Ben.
Ich versuchte die Frau wegzuschieben – möglichst vorsichtig und so, dass sie nicht aufwachte, doch Gott, so viel Glück hatte ich natürlich nicht. Träge hob sie den Kopf und starrte mich an. In den Augenwinkeln hingen Reste ihrer Wimperntusche und ließen die feinen Ringe unter ihren Augen noch dunkler wirken.
»Hey«, sagte sie heiser.
»Hey«, murmelte ich, woraufhin ein zufriedenes Seufzen ihren Lippen entwich. In mir zog sich alles unangenehm zusammen. Es war der Knoten in meinem Bauch, den ich nur zu gut kannte.
Die Unbekannte war hübsch, mit ihren leuchtenden Haaren, dem herzförmigen Mund und der schmalen silbernen Kette mit Mondanhänger, die ihren schlanken Hals betonte. Im Moment aber sah sie mindestens so fertig