: Gianrico Carofiglio
: Zeit der Schuld Roman
: Goldmann
: 9783641274788
: Ein Fall für Avvocato Guerrieri
: 1
: CHF 14.40
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Anwalt kämpft Guido Guerrieri für das Recht der Unschuldigen. Doch in diesem Fall geht es um weit mehr als Gerechtigkeit ...
In ihrer Jugend war Lorenza der Schwarm aller Männer: schön, klug und weltgewandt. Doch als sie dem italienischen Anwalt Guido Guerrieri eines späten Nachmittags in seinem Büro in Bari gegenübersteht, hat sie nichts mehr von der einst so faszinierenden Frau. Trotzdem ist er sofort bereit, Lorenzas Sohn Jacopo vor Gericht zu vertreten, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt. Doch die Beweislage ist erdrückend, und bald muss sich Guerrieri fragen, ob sein nostalgisches Gefühl für seine Vergangenheit mit Lorenza nicht nur seine Urteilskraft beeinträchtigt, sondern auch seinen Ruf als Anwalt zerstören wird ...

Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari, Italien geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. 2007 war er als Berater des italienischen Parlaments für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Von 2008 bis 2013 war Gianrico Carofiglio Mitglied des italienischen Senats. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Romane um den Anwalt Guido Guerrieri. Carofiglios Bücher feierten sensationelle Erfolge, wurden bisher in 27 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u.a. mit dem Radio Bremen Krimipreis 2008. Er lebt mit seiner Familie in Bari.

1.


»Was haben wir heute, Pasquale?«, fragte ich, als ich die Kanzlei betrat, und dachte einmal mehr, wie satt ich dieses Ritual hatte.

»Mal sehen … Signora Colella sollte endlich vorbeikommen und ihre Rechnung bezahlen. Dann ist da der Sachverständige im Moretti-Prozess, die Sache mit der Parzellierung. Er will die Unterlagen abholen und fragt, ob er dann gleich fünf Minuten mit Ihnen reden könnte. Und um sieben eine neue Klientin.«

»Wer denn?«

Mit der üblichen, fast ein wenig feierlichen Gebärde blätterte Pasquale durch seinen unvermeidlichen Spiralblock. Wir alle haben etwas an uns, das typisch für uns ist oder das wir, sofern es uns bewusst ist, als für uns typisch empfinden. Bei Pasquale ist es der Notizblock. Er kauft sich die Blöcke selbst, ohne sie als Büromaterial über die Kanzlei abzurechnen, und nimmt immer den gleichen: ein altmodisches Modell mit rauem schwarzem Deckel und mattroter Schnittkante, wie es schon mein Großvater benutzt hatte und wie man es heute nur noch nur noch in einem rührend angestaubten Schreibwarenladen im Viertel Libertà erhielt.

»Sie heißt Delle Foglie. Hat gestern Nachmittag angerufen und um den nächstmöglichen Termin gebeten. Sie meinte, es sei dringend und betreffe ihren Sohn.«

»Delle Foglie und weiter?«

»Inwiefern, Avvocato?«

»Hat sie nur ihren Nachnamen genannt?«

»Ja, nur den Nachnamen.«

Vor etlichen Jahren – es waren so viele, dass ich sie gar nicht zählen mochte – hatte ich über ein paar Monate hinweg ein Mädchen dieses Namens gekannt. In meiner Erinnerung kam es mir wie eine Ewigkeit vor, und ich hatte lange nicht mehr an sie gedacht. Während ich Pasquale wie von fern reden hörte, durchzogen diffuse und unwirkliche Bilder meinen Kopf; fast so, als beträfen sie gar nicht mich und kämen mir nur deshalb bekannt vor, weil jemand mir von ihnen erzählt hatte.

»Sie kommt um neunzehn Uhr. Aber wenn Sie anderweitig verpflichtet sind«, schob Pasquale nach, als hätte er mir angesehen, dass etwas nicht stimmte,»kann ich sie anrufen.«

»Nein, nein. Neunzehn Uhr ist wunderbar.«

Pasquale kehrte auf seinen Platz im Vorzimmer zurück. Ein paar Minuten lang dachte ich über diese neue Mandantin nach und kam zu dem Schluss, dass es nicht die Delle Foglie von damals sein konnte. Wie auch, überlegte ich lapidar und setzte schließlich einen Haken dahinter.

Eigentlich hätte ich mir die Verhandlungsakten des nächsten Tages vornehmen sollen, verspürte dazu aber nicht die geringste Lust. Das war nichts Neues: Seit ein paar Jahren verursachten mir Prozessunterlagen eine schleichende, jedoch stetig wachsende Übelkeit.

Irgendjemand hat einmal geschrieben, man sollte es verstehen, jung zu sterben. Damit war natürlich nicht der wahrhaftige Tod gemeint, vielmehr ging die Empfehlung dahin, vom üblichen Geschehen abzulassen, sobald Lust und Kraft nachließen oder ein Talent – sofern man jemals eines besessen hatte – schlichtweg ausgereizt war. Alles Weitere sei Wiederholun