Aufbruch ins Paradies
Ein Fensterbrief war und ist für mich immer etwas Unangenehmes: eine Aufforderung, die Steuererklärung endlich abzugeben, oder die Mitteilung über eine Ordnungswidrigkeit, wenn ich zum Beispiel mal wieder falsch geparkt habe. Diesmal kommt er von der Gemeinde, und ich ahne, um was es geht. Der Wildwuchs entlang meines Grundstückes, ein schmaler Streifen, etwa einen halben Meter breit, zwischen Straße und meinem Zaun, war anderen Dorfbewohnern schon des Öfteren ein Dorn im Auge, und nun soll ich ihn umgehend entfernen. Ordnung muss sein, nur welche Ordnung, frage ich mich. Auch die Natur kennt Ordnung, nur diese schaut meist anders aus als die von Menschen gemachte.
Zugegeben, das ganze Grundstück hebt sich deutlich von den gut gepflegten Vorgärten im Dorf ab. Das schätzen auch viele hier brütende Vogelarten, das Eichhörnchen, die Kröten und Massen von Insekten auf meiner bunt blühenden Wiese. Vielleicht ist das den Dorfbewohnern nur nicht aufgefallen. Vielleicht wissen sie aber auch nicht, dass natürliche Vielfalt nur da explodiert, wo wir nicht mit ordnender Hand eingreifen. Regelmäßig wird in der Gemeindezeitung darauf hingewiesen, im Dorf auf Ordnung zu achten. Grünflächen sollten gemäht werden, und Straßenränder seien von Unkräutern zu befreien. Schließlich solle unser Dorf für Besucher ein schönes Bild abgeben. Jeden Sonnabend, wenn ich durch das Dorf fahre, sehe ich darum dessen Bewohner, bewaffnet mit Eimern, Schaufeln und Straßenbesen, in reger Betriebsamkeit vor ihren Hofeinfahrten. Was sie hier tatsächlich tun, erschließt sich mir allerdings nicht, denn für meine Begriffe ist ohnehin alles schon sehr aufgeräumt. Trotzdem wird eifrig gefegt. Vielleicht geht es nur darum, dem Nachbarn zu signalisieren, dass man seiner Pflicht nachkommt? Vielleicht sucht man Kontakt und hat keinen plausiblen Grund, nebenan zu klingeln? Wenn man mit den Nachbarn ins Gespräch kommt, hat das ja schließlich auch eine soziale Komponente. Ein Gespräch am Zaun gibt Gelegenheit zu einem frühen Bier, und man erfährt, was im Dorf gerade so läuft. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Aber scheinbar bin ich gegen diese Art Ordnung immun. Schon als Kind war ich genervt, wenn ich am Sonnabend den Hof fegen musste. Dieser war mit hartgebrannten dunkelroten Ziegeln ausgelegt, und in den Fugen zwischen den Steinen wuchs grünes Moos. Ein wunderschönes Muster. Ich hielt immer wieder inne, um es zu betrachten, wenn ich mit dem Straßenbesen vorsichtig darüberfegte. Manchmal kniete ich mich hin, um mir die Gewächse aus der Nähe anzuschauen. Kleine samtig grüne Polster, die wie ein weiches kurz geschorenes Fell flach an den Boden geschmiegt wuchsen. Erstaunlich, dass sie hier auf dem alltäglich stark begangenen Weg überhaupt existieren konnten. Meine Großmutter hatte für diese Schönheit keinen Blick. So machte sie sich wenigstens einmal im Jahr daran, die Fugen mit einem alten Küchenmesser vom Moos zu befreien. Nun dauerte es meist nicht lange, bis kleine schwarze Ameisen die Fugen als Straßen nutzten und unter den Ziegeln ihre Wohnstätten errichteten. Auch das war meiner Großmutter ein Dorn im Auge, und sie bekämpfte die winzigen Tiere mit kochendem Wasser, das sie zielsicher in die Fugen goss. Diese Arbeit macht sich heute natürlich niemand mehr, mit Herbiziden und Gasbrenner lassen sich ungewollte Wildwüchse effektiver bekämpfen, und gegen Ameisen sind diverse Insektizide auf dem Markt.
Inzwischen habe ich den Brief überflogen, und mein Verdacht hat sich bestätigt. Es geht um die Hecke und den Grünstreifen entlang der Straße, die blauen Wegwarten (meine Lieblingsblumen), die dort blühen, sind mit der Dorfsatzung nicht vereinbar. Durch das geöffnete Fenster dringt vom Nachbargrundstück das Knattern eines Benzinrasenmähers herüber, und kurz darauf beginnt ein weiterer Nachbar, gegen den seiner Meinung nach zu üppigen Grünwuchs ins Feld zu ziehen. Blühende Pflanzen haben hier keine Chance. Einmal wurde ich von jemandem aus der Nachbarschaft aufgefordert, meinen »Rasen« mal wieder zu mähen. Ich musste dann erklären, dass das, was er da vom Küchenfenster aus sehe, eine Wiese mit verschiedenen Blumen sei und keinesfalls ein Rasen. Eine solche Fläche werde ein-, höchstens zweimal im Jahr gemäht.
Wann haben wir eigentlich an