2. Kapitel
June
»Kian«, stieß ich hervor und hasste es, dass meine Stimme so atemlos klang. Ganz so, als wäre ich gerannt und gerade eben erst vor ihm zum Stehen gekommen. Neun Millionen Menschen und doch befand er sich direkt vor mir mit nichts als dem Tresen zwischen uns. Ich versuchte das Zittern zu verbergen, das meinen Körper unwillkürlich zu durchlaufen begann, und krallte mich möglichst unauffällig an einem gerade frei gewordenen Barhocker fest.
Da stand Kian vor mir.
Der Mann, an den ich noch mehr dachte, seit ich hier in London wieder aus dem Flieger gestiegen war.
Und als wäre die ganze Situation nicht schon überfordernd genug, sah er mich offen an. So als hätte ich ihm nicht vor drei Jahren das Herz gebrochen und ihm dabei einen Teil der Wahrheit verschwiegen. So als wäre keine Zeit vergangen. Von einer Sekunde auf die andere schien ich nicht nur in eine andere Version Londons zurückkatapultiert zu werden, sondern auch in eine andere Version meiner selbst.
»June«, erwiderte Kian eine Ewigkeit später, und in der Betonung meines Namens allein lag schon diese kraftvolle Ruhe, die ihn heute noch mehr umgab als damals. »Juniper«, schob er meinen vollständigen Namenmit gesenkter Stimme hinterher. Er war einer der wenigen Menschen gewesen, die mich tatsächlich so nannten.
Bei ihm hatte es mich nie gestört.
Bei ihm hatte es sanft und irgendwie beschützend geklungen.
»Hey«, sagte ich unbeholfen, sah weg und sah ihn wieder an.
Kians Lächeln verrutschte kein Stück. Er trug die kupferfarbenen Haare immer noch kurz, sodass sie seine markanten Gesichtszüge betonten, dazu der Bart, der etwas voller schien. Immer noch eine Nerd-Brille, doch das stylische Modell mit dem feinen, goldenen Rahmen war neu. Es ließ das tiefe Braun seiner Augen noch intensiver und dunkler schimmern.
Kaffeefarbene Gänsehautaugen.
Himmel, wenn es Magie auf dieser Welt gab, dann hatte ich sie vor drei Jahren in ihm gefunden und trotzdem weggeworfen. Nein, nicht weggeworfen, ich hatte sie zerstört. Und das auf noch schlimmere Art und Weise, als er ahnte.
»Was möchtest du trinken?«, fragte er jetzt und wischte sich die Hände an dem Geschirrtuch ab, das er lässig über der rechten Schulter trug.
»Ich … also … ich nehme …«, stammelte ich erneut. Ich war in einem Pub, er stand hinter der Bar. Was sollte er mich auch sonst fragen.
Lebst du? Liebst du? Bist du glücklich?
All diese Fragen hätte ich ihm am liebsten entgegengerufen, doch ich stolperte über meine eigenen Gedanken.
»Geht aufs Haus«, schob Kian freundlich hinterher, als würde er mein Unwohlsein und die Überforderung spüren. Natürlich tat er es. Egal, wie sein Leben sich auch entwickelt haben mochte, es war immer noch Kian. Kian mit dem Herzen aus Gold.
»Einen Cider, bitte«, sagte ich schließlich und sah den routinierten Bewegungen seiner Hände zu. Breite Schultern, muskulöse Arme und kräftige Finger, die mich einmal berührt hatten. Schnell schüttelte ich den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben.
Ich war Musicaldarstellerin, ich konnte in jede Rolle schlüpfen, wenn ich es wollte. Ich konnte alles und jeder sein, doch das