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Montag, 15. April
13:00 Uhr
Gras und Sandwaren noch feucht, sowohl vom Tau als auch von den Regenfällen des Vormittages. Er schob sich behutsam an den Rand der Möwendüne. Zoomte auf das Ziel. Es hatte ihn nicht bemerkt, sah sich aber aufmerksam nach allen Seiten um. Schnell und energisch drückte er ab, immer wieder: das perfekte Fotomotiv. Ein Löffler, ein strahlend weißer Vogel, fast so groß wie ein Storch,inmitten seines Nestes, das wie ein Thron aus den flachen,dem Watt vorgelagerten Salzwiesen herausragte, perfekt ausgeleuchtet durch den hellen Schein der Mittagssonne.
In der unter Naturschutz stehenden östlichen Hälfte von Norderney, die als Ruhezone des Nationalparks Wattenmeer definiert und mehr oder weniger sich selbst überlassen war, brüteten bestimmt Zehntausende Vögel. Eine Urlandschaft, geprägt durch flache, dicht mit Sanddorn, Gräsern und Flechten bewachsene Dünen, moorartige Feuchtwiesen und Salzsümpfe. Der Zutritt war eigentlich auf einen durch Pfähle markierten Trampelpfad beschränkt, der von dem letzten Parkplatz am Ostheller zu dem Wrack eines Muschelbaggers am Ostende der Insel führte, einem bei Touristen beliebten Ausflugsziel. Aber wie überall fehlte es auch im Nationalpark an Personal, um das Verbot durchzusetzen.
Tobias Velten überflog auf dem Display der Kamera die Fotos des Tages. Der raue Charme dieser Landschaft faszinierte ihn, aber es gelang ihm nur selten, ihn auf Bildern festzuhalten. Er war gerne hier. Am liebsten früh am Morgen, wenn die Sonnenstrahlen die Ödnis Stück für Stück zum Leben erweckten, oder bei Regenwetter, wenn weit und breitum ihn herum keine Menschenseele zu sehen war. Nur die pure Natur, wir Menschen gehörten vielleicht gar nicht hier hin. Auf diese wandernde Sandbank in der Nordsee, durch eine Laune der Natur alle sechs Stunden abgetrennt vom Rest der Welt. Wie ein Paradies, das man besuchen, in dem man aber nicht bleiben durfte. Oder wie ein Gefängnis, das zeitweise geöffnet war.
Es wurde Zeit, den Rückweg anzutreten. Mit einem Seufzen verstaute Velten die Kamera in einem wasserdichten Beutel. Unter seinen Neoprenschuhen knirschte der Sand, als er die Düne hinabstieg, um zu seinem Kajak zu gelangen, das auf der dem Wattenmeer vorgelagerten Salzwiese auf ihn wartete. Ganz schön illegal, Herr Kriminalhauptkommissar. Der ist gerade nicht im Dienst, antwortete er sich selbst in Gedanken.
Nach ein paar Metern hatte er das kleine Boot bis zu einem wasserführenden Priel geschoben. Es wackelte kurz, als er einstieg, aber mit den ersten kräftigen Ruderschlägen stabilisierte es sich. Schwacher Gegenwind ließ leise Wellen gegen den Rumpf plätschern. Er ruderte langsam und stetig, in den Muskeln breitete sich eine angenehme Wärme aus. In den letzten Monaten