2
Glitzerndes Meer
Der RaddampferNajade bahnte sich kraftvoll seinen Weg durch das bewegte Meer. Türkisfarbene Wellen türmten sich auf und trugen weiße Schaumkronen vor sich her. Viktoria stand an der Reling und schaute hinaus. In der Ferne konnte sie bereits die Insel sehen – ein dünner Strich am Horizont, der rasch breiter wurde. Schon bald konnte sie den Strand ausmachen und die ersten weißen Häuser, die im Licht der Morgensonne erstrahlten. Sie sah am südlichen Ende der Insel die Marienhöhe, die Villen und den neuen Malerturm – und weiter hinten den weit ins Meer hinausragenden Seesteg.
Auf einer Bank hinter Viktoria saß ein älteres Ehepaar. Die Frau hatte Viktoria schon eine ganze Weile mit missbilligendem Blick beobachtet. Als Viktoria sich von der Reling abwandte, um sich ebenfalls zu setzen, konnte sie ihre Neugier nicht mehr zügeln.
»Ist Ihr Herr Vater schon vorgefahren, Fräulein?«, fragte sie. »Oder Ihr Herr Gemahl?« Sie zog ihr kariertes Reiseplaid gerade, das über ihren Beinen lag.
Viktoria seufzte. Derartige Bemerkungen bekam sie oft zu hören. Wo gab es denn so etwas? Eine junge Dame, die allein auf Reisen ging! Ohne Familienangehörige oder zumindest mit einer Gouvernante – selbst wenn die junge Dame schon Ende zwanzig war. »Nein, ich reise allein«, antwortete Viktoria ruhig. »Ich arbeite, also kann ich auch allein reisen.«
Die Augen der Frau wurden schmal. »Sie gehen einer Tätigkeit nach?« Es klang, als wäre es anrüchig.
»Ich bin Lehrerin«, erklärte Viktoria. Noch immer erfüllte es sie mit Stolz, die Worte auszusprechen. Seit gut einem halben Jahr arbeitete sie in einer Reformschule in Hamburg. Es war nicht leicht gewesen, ihren Vater davon zu überzeugen, dass sie einen Beruf ergreifen wollte. Als Tochter eines Oberstaatsanwalts wurde von Viktoria erwartet, dass sie heiratete und Kinder bekam. Arbeiten ging eine Frau nur, wenn die Not sie dazu trieb, und das war bei Viktoria sicher nicht der Fall. Doch sie hatte die Armut im Hamburger Gängeviertel gesehen. Zwölfjährige Mädchen, die in die Fabrik gingen, die nur eine rudimentäre Schulbildung erhalten hatten, womit es ihnen nahezu unmöglich war, jemals aus dem Elend auszubrechen. Viktoria wollte ihr Leben nicht damit vergeuden, die Rolle der braven Ehefrau einzunehmen, die mit der Hochzeit all ihre Rechte aufgab. Sie wollte selbstständig sein und etwas im Leben bewirken.
Mit ihrer Entscheidung hatte sie viele vor den Kopf gestoßen. Einige Freundinnen hatten sich von ihr abgewendet, als sie ihre Studien am Lehrerinnenseminar aufnahm. Sie fürchteten um ihren guten Ruf, wenn sie sich weiter mit Viktoria trafen. Es hatte Viktoria wehgetan, und trotzdem hatte sie sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Als sie im Herbst vergangenen Jahres das erste Mal auf dem Schulhof gestanden hatte und die Mädchen sie umringten, war es einer der glücklichsten Augenblicke ihres Lebens gewesen. In dem Moment war sie sicher gewesen, das Richtige getan zu haben.
Die ältere Dame betrachtete Viktoria missmutig. »Ich halte ja nichts davon, dass Frauen arbeiten. Das ist wider ihre Natur.«
Viktoria dachte an all die Frauen, die in den vergangenen Jahrhund