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»Du liebe Güte!« Maja Klapproth war wenig begeistert. »Der Mann hat sich vielleicht nur verlaufen. Da ist es möglicherweise etwas hoch angesetzt, wenn die Kriminalpolizei anrückt. Unser Schwerpunkt ist Mord!«, erinnerte sie den Kollegen scharf.
»Das ist alles wahr. Es erscheint aber auch möglich, dass ihm etwas zugestoßen ist. Politiker geraten schon mal in brenzlige Situationen. Vor Kurzem erst Farbbeutel gegen das Parteibüro – und nun ein verschwundenes, sehr aktives Parteimitglied. Er hat sich in letzter Zeit häufig exponiert. Alles ist denkbar.« Nachtigall war bereits aufgestanden, hatte die Jacke in der Hand und wartete ungeduldig. »Komm.«
Widerwillig schob die Kollegin ihren Stuhl zurück.
Folgte Nachtigall in den Gang hinaus.
»Ich habe schon organisiert, dass uns ein Suchtrupp bei der Familie erwartet. Möglicherweise ist der junge Mann gestürzt, liegt hilflos im Wald, hatte kein Handy dabei oder es ist kaputtgegangen. Ausschließen können wir nichts.« Er atmete tief durch. »Selbst die schlimmste Variante nicht«, ergänzte er düster.
»Jaja. Und am Ende ist er schlicht der häuslichen Enge entflohen. Soweit ich mich erinnere, ist er verheiratet und hat zwei Töchter. Möglich, dass er eine Flucht in den ewigen Sommer mit einem sexy Girl vorgezogen hat.« Klapproth zwinkerte dem Kollegen zu. »Sei ehrlich! Das ist eine viel schönere Vorstellung, als zu glauben, er läge irgendwo hilflos im Wald – oder sei tot.«
»Ja, stimmt. Mir fallen spontan viele bessere Varianten ein, als tot zu sein.« Nachtigall schlüpfte in seine Jacke. »Los!«
Klapproth schalt sich in Gedanken eine dumme Kuh. Wieder ein Fettnäpfchen erwischt. Schließlich war es nicht so lange her, dass der Kollege selbst um ein Haar gestorben wäre.
»Tut mir leid«, murmelte sie, wusste, dass er die Entschuldigung gar nicht gehört haben konnte, und beeilte sich, Nachtigall einzuholen.
Doreen Stein wirkte erstaunlich unaufgeregt.
Maja Klapproth war mehr als überrascht, hatte sie doch eine in Tränen aufgelöste, hysterische Ehefrau erwartet.
Sie versammelten sich um den Tisch, an dem die Kinder noch vor wenigen Stunden ihre Hausaufgaben erledigt hatten.
»Er hat verschiedene Laufstrecken. Und natürlich weiß ich nicht, für welche er sich heute entschieden hat. Das legt er spontan fest. Und er nimmt immer sein Handy mit. Aus Sicherheitsgründen. Aber auch, weil er gern jederzeit erreichbar sein will. Politikerkrankheit. Allerdings hat er sich bei niemandem aus seinem Freundeskreis gemeldet und meine Anrufe nimmt er nicht an.«
»Kommt das öfter vor? Also, dass er speziell Ihre Kontaktversuche unbeantwortet lässt?«, bohrte Klapproth.
»Sie meinen, dass er nicht rangeht? Aber sicher. Ich bin ja nicht über jeden Gesprächstermin informiert. Wenn ein Anruf stört, wird man direkt auf die Mailbox weitergeleitet.«
»Das ist doch sicher ziemlich kränkend.«
»Nein, ist es nicht. Es gehört zur Normalität unseres Alltags. Ich bin nicht über jeden seiner Schritte informiert und er nicht über all meine Termine.«
»Ihr Mann ist Lokalpolitiker. Aber er hat sicher ei