: Hans-Jürgen Schleicher
: Erzählen
: Books on Demand
: 9783740796709
: 2
: CHF 5.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 334
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
ERZÄHLEN erzählt zwei Geschichten, unverbunden auf den ersten Blick, doch auf den zweiten mit innerem Zusammenhang. Ein Autor schreibt an einer Erzählung, oder schreibt die Erzählung ihn? - Eine alternative Welt, als ökologischer Gegenpart zu unserer eigenen geschildert, gerät in einen Strudel der Veränderung, die diese Welt geradewegs in unsere eigene transformieren wird. Eine verlorene Seele irrt in dieser Veränderungsszene umher, bedrängt vom Verlust ihrer Wirklichkeit und von Schuld. - Drei Personen bilden eine Zeit lang eine eher ungewöhnliche Lebensgemeinschaft, in welcher der Erzähler auf zwei unterschiedliche Wegen eine Art Initiation erfährt. Nach dem abrupten Ende dieser triangulären Beziehung findet er seine Aufgabe im Schreiben.

Geboren am 27.11.1949 in Ulm/Donau. Dort auf die Waldorfschule gegangen und Abitur gemacht. Anschließend in Stuttgart Architektur studiert, mit einem Ausflug in die Bildhauerei (Alanus-Hochschule). Im Berufsleben vor allem als Entwurfs- und Wettbewerbsarchitekt tätig, überwiegend in freier Mitarbeit in verschiedenen Büros in und um Stuttgart. In Fellbach Mitarbeiter und Mitbegründer eines privaten Kulturforums, mit Seminar-, Vortrags- und Ausstellungsbeiträgen. 1987 erscheint das Sachbuch"Architektur als Welterfahrung" im S. Fischer Taschenbuch Verlag. Später dann Übergang zu eher literarischen Produktionen wie Romane, Novellen, Gedichte. Mehr zu diesen Texten und Entwürfen kann man auf der Website"www.architexxt.d " erfahren.

Anderswelt


Fuge in Moll


Endstand


Manchmal wünschte er sich, einer der kleinen Götter zu sein – nicht einer der großen, diese hatten zu viel Verantwortung, waren Amtsträger - aber einer der minderen. Nur um einzugreifen und umzustellen, wenn ihn etwas störte oder quälte, ein Benehmen oder eine Tatsache – wer konnte schon alle Rüpel aus seinem Gesichtsfeld entfernen, alle Falschheiten berichtigen, alles bereinigen – so ein Übermensch, so ein kleiner Gott der Gelegenheiten konnte es. Wo würde er anfangen? Gerade jetzt. Gerade hier (bei diesem nervenden Nebenmann). Warum stellte sich dieser so an, drängelte sich vor an der Kasse und beklagte sich nörgelnd darüber, dass er so lange schon gewartet hätte? Oder Hermes. Hermes Trismegistos, sein Lieblingsgott, der leichtfüßige Bote, Führer der Seelen, Gott der Diebe und Kaufleute, Erfinder aller Techniken der eigentlichen Stufen der Zivilisation, nicht des Pfluges oder der Viehhaltung, das war anderen vorbehalten, aber der Schrift, des Rechnens und des Würfelspiels. Ja, Hermes hätte er sein wollen, ihn hätte er sich von allen Göttern als Über-Selbst ausgesucht; Loki, ein ähnlich gearteter Geist, wäre ihm zu negativ bewertet gewesen – aber er war nun einmal kein Gott oder Halbgott und seine Mittel, mit lästigen Mitmenschen umzugehen, deshalb ziemlich eingeschränkt.

Diese Gedanken, die ihm durch den Kopf zogen, verscheuchten nun doch seinen Missmut, indem sie ihm seine Misanthropie wie in einem Spiegel zeigten, ihn gleichzeitig über sich selbst lächeln ließen und so seine Stimmung aufhellten. Er sollte etwas tun, was ihn davon abbrachte, seiner Depression nachzugeben. So beschloss er, seine Lieblingsplätze aufzusuchen: den kleinen Park mit der Holda-Statue, das Antikenmuseum, die daran anschließende Ladenpassage - nicht um etwas zu kaufen (so viel Selbstdisziplin brachte er auf), nein, nur um sich wieder