Wie Pflanzen zu unentbehrlichen Helfern für Ärzte, Hexen, Giftmischer und Drogenhändler wurden
»Nichts weiter hast du zu tun«, sagte der Giftbereiter, »als wenn du getrunken hast, herumzugehen, bis dir die Beine schwach werden, und dann dich hinzulegen.« Als Sokrates merkte, dass ihm die Schenkel schwer wurden, legte er sich gerade hin auf den Rücken. Darauf berührte jener ihn von Zeit zu Zeit, ... drückte ihm den Fuß stark und fragte, ob er es fühle, was er verneinte. Und darauf die Knie und so ging er immer höher hinauf und zeigte den Umstehenden, wie er erkaltete und erstarrte. Zuletzt zuckte er. Als er aufgedeckt wurde, war er tot.
So beschreibt der griechische Philosoph Platon (428–348 v. Chr.) in seinem Dialog »Phaidon« den Tod seines Lehrers Sokrates im Jahr 399 v. Chr., nachdem dieser wegen angeblicher Lästerung der Götter und Verführung der Jugend dazu verurteilt worden war, den Schierlingsbecher zu leeren. »Sokrates frevelt und treibt Torheit, indem er unterirdische und himmlische Dinge untersucht und Unrecht zu Recht macht und dies auch andere lehrt«, so die Urteilsbegründung.
Sokrates nimmt den Schierlingsbecher
(»Der Tod des Sokrates«, Gemälde von Jacques-Louis David, 1748–1825).
Dies ist eine der berühmtesten und wohl auch eine der ersten Beschreibungen einer Vergiftung mit Coniin, dem Hauptalkaloid desGefleckten Schierlings (Steckbrief 3). Bei dieser Vergiftung kommt es bei vollem Bewusstsein zuerst zu einer Lähmung der Beine und Arme, bevor dann später der Tod durch Atemlähmung eintritt. Der griechische Arzt und Pharmakologe Dioskurides, der im 1. Jahrhundert n. Chr. lebte, nannte den Schierling treffendApolegusa (Verzweiflung bringend) oderAbioton (das Leben nehmend). Die Pflanze war passenderweise der Göttin Hekate geweiht, einer der berühmtesten Giftmischerinnen der Mythologie. Der griechische Arzt Nikander, der etwa 300 Jahre früher lebte, beschrieb die schreckliche Wirkung des Schierlings so (zitiert in Lewin, 1920):
Merke dir ferner die Kennzeichen des schädlichen Schierlingstrankes. Dieses verderbenbringende Getränk sendet finstere Nacht auf das Haupt herab. Die Kranken blicken verwirrt, irren mit wankenden Füßen in den Straßen umher und kriechen auf den Händen. Ein quälendes Gefühl von Erstickung schnürt ihnen den schmalen Weg durch die Kehle zusammen. Die Atmung wird schwach, wie bei einer Ohnmacht, und die Seele des Kranken erblickt den Hades.
Der Schierlingsbecher war eine gängige Hinrichtungsmethode in Athen und später in Rom. Thrasias aus Mantinea (4. Jh. v. Chr.) soll zwar eine Giftmischung aus Schierling und Schlafmohn zusammengestellt haben, die ein schmerzloses und schnelles Ende garantierte, doch wenn der Tod qualvoll sein sollte, wurde nur Schierling eingesetzt. Von der Verwendung in der Justiz abgesehen, war die Pflanze aber auch bei gewöhnlichem Mord von Nutzen: Dem römischen Historiker Tacitus zufolge soll Nero seinen Stiefbruder Britannicus mithilfe von Schierling ausgeschaltet haben – nicht ohne die richtige Dosierung zuvor an einem Ziegenbock getestet zu haben.
Steckbrief 3
| Gefleckter Schierling (Conium maculatum), Familie Doldenblütler (Apiaceae) Aussehen: zweijährige Pflanze mit bis 2 m hohem, rotbraun geflecktem Stängel; schirmförmige Blütenstände mit kleinen weißen Blüten; blüht von Juni bis September |
Verbreitung: Europa, Nordafrika, Asien; im Ufergebüsch und an Wegrändern
Verwendete Teile: die krautigen Teile und die Samen der Pflanze
Inhaltsstoffe: Die ganze Pflanze ist giftig. Hauptalkaloid ist das nach Mäuseurin riechende Coniin.
Wirk