1. Was ist ein Trauma – und was ein belastendes Lebensereignis?
In meinen Ausbildungskursen fordere ich gern am Anfang die KollegInnen zum Brainstorming auf, was denn ein Trauma im Gegensatz zu einem belastenden Lebensereignis kennzeichne, und beginne mit einem fiktiven Beispiel, etwa: „Als ich mir 1972 beim Skifahren ein Bein brach“, sei das für mich zwar ein belastendes Lebensereignis gewesen, nicht aber ein Trauma. Was denn dann wohl ein Trauma sei? Zunächst versuchen die KollegInnen dann häufig, mir Ereignisse zu nennen, die sie mit Traumata gleichsetzen. Etwa „Kriegserlebnisse“ – „Vergewaltigung“ – „Banküberfall“ – „Grubenunglück“ – „Sexuelle Gewalt in der Kindheit“. Woraufhin ich weiter frage: „Sind Sie sicher, dass dies alles Traumata sind? Ich behaupte, viele Menschen, die solche Ereignisse erleben, verarbeiten sie als zwar äußerst belastende, aber nicht als traumatische Ereignisse. Um Sie noch mehr zu verwirren:
Manche Menschen werden einen Skiunfall, bei dem sie sich ein Bein brechen, als Trauma verarbeiten. Ein Trauma ist eine Wunde. Also das Ergebnis von Ereignissen, die verletzend waren. Nehmen Sie solche realen Ereignisse, schauen Sie aber nun auf die innere Verarbeitung. Was kennzeichnet wohl ein Trauma im Vergleich zum belastenden Lebensereignis?“ Jetzt kommen andere Antworten. Etwa:
Abbildung 1.1: Wir wird ein Trauma im Innern verarbeitet?
Was die KollegInnen so oder ähnlich mit ihren eigenen Worten auszudrücken pflegen und was ich hier so dargestellt habe, als würde ein Stein ins Wasser geworfen, der immer weitere Kreise zieht, sind tatsächlich einige der wesentlichen Merkmale, durch die sich Traumata von anderen stressreichen Lebensereignissen unterscheiden.
Bei Traumata handelt es sich nicht um reine innere Konflikte, wie etwa das Problem: „Soll ich Abitur machen oder in Vaters Geschäft einsteigen?“ – auch wenn ein solcher Konflikt sicherlich großen inneren Stress bedeuten kann.
Ausgangspunkt sind vielmehr tatsächliche, extrem stressreiche äußere Ereignisse. Damit ein Ereignis aber zum Trauma für einen Menschen werden kann, muss eine Dynamik in Gang kommen, die sein Gehirn buchstäblich „in die Klemme bringt“ und es geradezu dazu nötigt, auf besondere Weise mit diesem Ereignis umzugehen. Diese „Klemme“ nenne ich seit Jahrzehnten die „traumatische Zange“ – ein Begriff, der sich inzwischen eingebürgert hat.
Abbildung 1.2: Traumatische Zange
Wie kann es zu so einer Klemme kommen? Das hängt mit unserem „dreieinigen Gehirn“ zusammen, ein Begriff, der von Paul D. MacLean geprägt wurde.
Abbildung 1.3: Paul D. McLean
Abbildung 1.4: Das dreieinige Gehirn
Abbildung 1.5: Die Zuständigkeiten des dreieinigen Gehirns
Wir haben in der Evolution drei große Hirnbereiche entwickelt: Zunächst unser Stammhirn, das „Reptiliengehirn“, das für unsere basalen Instinkte und Reaktionen zuständig ist. Darüber entw