: Denise Mina
: Götter und Tiere
: CULTurBOOKS
: 9783959881760
: 1
: CHF 13.20
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 352
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
AUSGEZ ICHNET MIT DEM DEUTSCHEN KRIMIPREIS 2020 Einen fremden kleinen Jungen im Arm, hockt Martin Pavel im Glasgower Dezemberregen auf einer Bordsteinkante. Beide sind blutbespritzt, halb taub und stehen unter Schock. Doch im Gegensatz zum Großvater des Jungen leben sie noch. Detective Sergeant Alex Morrow und ihr Partner DC Harris sollen herausfinden, was hinter dem Massaker in der Post steckt. Begonnen hat es wie ein ganz gewöhnlicher Raubüberfall: Ein maskierter Mann mit einer AK47 marschiert kurz vor Weihnachten in eine Postfiliale und zwingt die Schlange stehenden Kunden mit vorgehaltener Waffe, sich auf den Boden zu legen. Dann erhebt sich ein älterer Mann, tritt zu ihm und assistiert bei dem Raub, nur um anschließend von dem Maskierten niedergemäht zu werden. Wer war dieser Brendan Lyons, der einem völlig Fremden seinen Enkel anvertraut und sich in dieses Selbstmordkommando gestürzt hat? Kriminalität, Korruption, Katastrophenstimmung: Mit »Götter und Tiere«, einem Roman ihrer Alex-Morrow-Reihe, legt Denise Mina einen rasanten, geschichtsbewussten und philosophischen Noir vor, der von den verblüffend tiefenscharfen Figuren lebt - und nicht alle sind unbedingt sympathisch.

Denise Mina, Jahrgang 1966, brach nach einer rastlosen Kindheit in Glasgow, Paris, London, Invergordon, Bergen und Perth die Schule ab, jobbte halbherzig in einer Fleischfabrik, in Bars, als Köchin und als Krankenpflegehelferin, qualifi zierte sich per Abendschule fürs Jura studium an der Universität Glasgow. Statt danach wie geplant in Kriminologie und Strafrecht zu promovieren, begann sie Kriminalliteratur zu schreiben. 2014 aufgenommen in die Crime Writers' Association Hall of Fame. Sie hat 15 Romane publiziert, außerdem verfasst sie Shortstorys, Bühnenstücke, Graphic Novels und macht TV- und Radiosendungen. Denise Mina trägt die Ehrenbezeichnung Queen of Tartan Noir und lebt in Glasgow.

1


Martin Pavel hörte alles wie durch ein Kissen: das schwache Greinen der Notarztsirenen, das Hubschraubermurmeln in der Luft, die gedämpften Rufe von Männern in dicken Uniformen, Sanitäter und Cops brüllten sich Anweisungen zu – HOLT DAS ABSPERRBAND, SCHAFFT DIE LEUTE WEG. Aber es war ein Anbrüllen gegen längst vergangenes Chaos. Das Chaos war lässig aus der Postfiliale geschlendert und davonspaziert. Jetzt war das Chaos irgendwo in der Stadt unterwegs, sah in Schaufenster, aß vielleicht etwas, schaute womöglich fern, auf jeden Fall in aller Ruhe. Wo immer das Chaos auch war, es war ruhig dort. Martin wünschte, er wäre bei ihm.

Er saß auf der Bordsteinkante, die Beine auf die Great ­Wes­­tern Road gestreckt. Er sah die Menschenmengen am Fuß des Hügels und unten bei den Lichtern, die Hälse gereckt, denn so viele Polizeiautos und der darüber kreisende Hubschrauber konnten nur bedeuten, dass etwas Schlimmes passiert war.

Die Ampel auf der anderen Straßenseite sprang um, von der Seite war das rote Leuchten zu sehen. Erstaunt stellte Martin fest, dass es schon dämmerte. Die Welt wurde wirklich dunkler, das kam ihm nicht nur so vor. Er drückte den Rücken durch, um tief einzuatmen, und warf beinahe den kleinen Jungen ab, der sich wie ein Koala an ihn klammerte. Der Junge barg verbissen das Gesicht an seiner Brust, presste sich an ihn, schrak zusammen, wenn jemand in ihre Nähe kam.

Jetzt, wo der Nebel des Schocks nachließ, erinnerte sich Martin an Schüsse aus einer automatischen Waffe, rote Explosionen auf dem Rücken des alten Mannes, seinen zuckenden Rumpf, das glitschige Abwärtsgleiten. Die Bilder fielen ihn an. Entsetzt von seiner Reaktion zog er den Jungen an sich, schützte seinen Kopf mit der Hand, nahm ihn unter seine Jacke.

Der Junge drückte sich fest an ihn, während Martins Sichtfeld grün wurde. Eine Sanitäteruniform. Der Mann kniete sich vor ihn hin, versuchte Martins Blick einzufangen, bewegte den Kopf hoch und runter, nach links und rechts. »Hey, Freund, können Sie mich hören?«

Martin brachte ein Nicken zustande.

»Sind Sie verletzt?«

Er schüttelte den Kopf.

»Und der kleine Mann? Ist Ihr Sohn verletzt?«

Martin blinzelte langsam. »Das …« Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und der Junge wimmerte vor Angst, aber Martin musste es aussprechen: »Er ist nicht mein Sohn.«

»Wer ist er dann?«

In Martin sträubte sich alles. Der Junge war jetzt seiner, daran war nichts zu ändern, aber danach hatte der Mann nicht gefragt. Er drehte den Oberkörper, zeigte mit dem Daumen nach hinten auf das zersplitterte Fenster der Post. Drinnen war alles rot und schwarz gesprenkelt. »Seiner.«

Der Junge bohrte sich noch enger an Martins Brust, presste ihm die Luft aus den Lungen.

Martin hob die Knie, drückte den Jungen heftig an sich, versuchte ihn einer Welt zu entreißen, in der ein Großvater so etwas tat.

 

In einem Rollstuhl aus Segeltuch durch den Warteraum der Notaufnahme; nicht besonders sauber hier, nicht besonders hübsch. Nicht gleich Caracas, aber auch nicht das Cedars-­Sinai. Ein Kasten aus Panzerglas für die Angestellten am Empfang, aufgereihte Stühle. Der Junge immer noch auf seinem Schoß, die Arme um seinen Hals geschlungen, die Augen fest zugekniffen.

Durch