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Martin Pavel hörte alles wie durch ein Kissen: das schwache Greinen der Notarztsirenen, das Hubschraubermurmeln in der Luft, die gedämpften Rufe von Männern in dicken Uniformen, Sanitäter und Cops brüllten sich Anweisungen zu – HOLT DAS ABSPERRBAND, SCHAFFT DIE LEUTE WEG. Aber es war ein Anbrüllen gegen längst vergangenes Chaos. Das Chaos war lässig aus der Postfiliale geschlendert und davonspaziert. Jetzt war das Chaos irgendwo in der Stadt unterwegs, sah in Schaufenster, aß vielleicht etwas, schaute womöglich fern, auf jeden Fall in aller Ruhe. Wo immer das Chaos auch war, es war ruhig dort. Martin wünschte, er wäre bei ihm.
Er saß auf der Bordsteinkante, die Beine auf die Great Western Road gestreckt. Er sah die Menschenmengen am Fuß des Hügels und unten bei den Lichtern, die Hälse gereckt, denn so viele Polizeiautos und der darüber kreisende Hubschrauber konnten nur bedeuten, dass etwas Schlimmes passiert war.
Die Ampel auf der anderen Straßenseite sprang um, von der Seite war das rote Leuchten zu sehen. Erstaunt stellte Martin fest, dass es schon dämmerte. Die Welt wurde wirklich dunkler, das kam ihm nicht nur so vor. Er drückte den Rücken durch, um tief einzuatmen, und warf beinahe den kleinen Jungen ab, der sich wie ein Koala an ihn klammerte. Der Junge barg verbissen das Gesicht an seiner Brust, presste sich an ihn, schrak zusammen, wenn jemand in ihre Nähe kam.
Jetzt, wo der Nebel des Schocks nachließ, erinnerte sich Martin an Schüsse aus einer automatischen Waffe, rote Explosionen auf dem Rücken des alten Mannes, seinen zuckenden Rumpf, das glitschige Abwärtsgleiten. Die Bilder fielen ihn an. Entsetzt von seiner Reaktion zog er den Jungen an sich, schützte seinen Kopf mit der Hand, nahm ihn unter seine Jacke.
Der Junge drückte sich fest an ihn, während Martins Sichtfeld grün wurde. Eine Sanitäteruniform. Der Mann kniete sich vor ihn hin, versuchte Martins Blick einzufangen, bewegte den Kopf hoch und runter, nach links und rechts. »Hey, Freund, können Sie mich hören?«
Martin brachte ein Nicken zustande.
»Sind Sie verletzt?«
Er schüttelte den Kopf.
»Und der kleine Mann? Ist Ihr Sohn verletzt?«
Martin blinzelte langsam. »Das …« Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und der Junge wimmerte vor Angst, aber Martin musste es aussprechen: »Er ist nicht mein Sohn.«
»Wer ist er dann?«
In Martin sträubte sich alles. Der Junge war jetzt seiner, daran war nichts zu ändern, aber danach hatte der Mann nicht gefragt. Er drehte den Oberkörper, zeigte mit dem Daumen nach hinten auf das zersplitterte Fenster der Post. Drinnen war alles rot und schwarz gesprenkelt. »Seiner.«
Der Junge bohrte sich noch enger an Martins Brust, presste ihm die Luft aus den Lungen.
Martin hob die Knie, drückte den Jungen heftig an sich, versuchte ihn einer Welt zu entreißen, in der ein Großvater so etwas tat.
In einem Rollstuhl aus Segeltuch durch den Warteraum der Notaufnahme; nicht besonders sauber hier, nicht besonders hübsch. Nicht gleich Caracas, aber auch nicht das Cedars-Sinai. Ein Kasten aus Panzerglas für die Angestellten am Empfang, aufgereihte Stühle. Der Junge immer noch auf seinem Schoß, die Arme um seinen Hals geschlungen, die Augen fest zugekniffen.
Durch