JOHANN
Die Straße unweit des Rhododendron-Parks ist schmal, überall stehen Autos. Bei meinem ersten Besuch bei Harries hatte ich meinen Audi an der Straße in eine Lücke gequetscht und bin dann hundert Meter weit und die Auffahrt hinaufgelatscht. Als ich vorm Haus stand, wurde mir klar, dass hier Platz für zehn Autos ist. Die Parkplatzsuche ist so schwierig wie vor meiner Haustür im Viertel, dafür sehen die Gebäude gediegener aus. Überall Gärten, Plastiken, kein Plastik. Springbrunnen, Kameras. Die Einfahrt zu Georgs Haus ist so angelegt, dass man es von der Straße aus nicht sehen kann. Hohe Hecken links und rechts verlaufen auf den ersten zehn Metern parallel, dahinter führt die Fahrspur offen über eine große Rasenfläche in einem Bogen auf das Haus zu. Sie mag fünfzig oder sechzig Meter lang sein. Mit Schwung düse ich den Weg hinauf und stelle meine alte Karre so auf dem Kies ab, als sollte sie für einen Prospekt fotografiert werden, mit der zweistöckigen Villa im Hintergrund. Das Haus hat ein eindrucksvolles Portal aus Sandstein mit zwei Säulen an jeder Seite und einer gusseisernen Laterne über der Tür.
Neben dem Türrahmen gibt es einen dicken Knauf, mit dem man früher läuten konnte. Heute drückt man einen blanken Knopf auf einem anachronistischen Türschild aus Edelstahl. Daneben prangen das Gitter eines Lautsprechers und eine fischäugige Kameralinse. Immer wenn ich hier stehe, fühle ich mich beobachtet. Es ertönt ein voluminöser Gong, dann ist es wieder still. Kein Hund schlägt an, ich höre nichts als das Rauschen des Straßenverkehrs in großer Ferne. Jetzt höre ich Schritte hinter der Tür, die Laterne über mir leuchtet auf, obwohl es noch hell ist. Meine Vorfreude steigt, dann schwingt die Tür auf, und Lena steht vor mir. Sie sieht aus wie Botticellis Venus und begrüßt mich mit einem strahlenden Lächeln.
„Hallo, Lena.“ Ich senke meine Stimme und will sie dreist umarmen, als hinter mir Georgs BMW die Einfahrt heraufgerauscht kommt und punktgenau vor der Haustür stehenbleibt.
Irritiert drehe ich mich um und beide sehen wir zu, wie der Fahrer die Fondtür öffnet und Georg aus dem Wagen steigt. Es hat etwas von einem Staatsbesuch. Lächelnd kommt mein Freund auf mich zu und ich umarme ihn statt seiner Frau, während sein Chauffeur ihm Taschen und Mantel hinterherträgt.
„Erik“, sagt er, „fein, dich zu sehen.“
Lena hat inzwischen die Tür ganz aufgezogen. Er tritt auf sie zu, küsst sie auf die Wange und marschiert geradewegs weiter, lässt sie und mich in der Tür stehen. Der Fahrer dackelt hinter ihm her. Lena lächelt, reicht mir die Hand, mein Herz hämmert mir gegen die Rippen. Ich bin verrückt nach dem Grübchen in ihrem Kinn und diesem niedlichen Schmollmund. Langes, rotes Haar schmiegt sich an ihre Schultern. Die bildschöne Frau meines Freundes. Georg hatte sich ewig Zeit damit gelassen, sie mir vorzustellen. Ahnte er, was passieren würde? Anfangs fand ich sie höchstens sympathisch, aber dann lernte ich sie besser kennen und merkte, wie viele gemeinsame Vorlieben wir teilen.
Wir gehen ins Haus, durch eine große quadratische Diele und über Terracotta-Fliesen hinweg auf eine zweiflügelige Tür mit Messingklinke zu. Dahinter liegt ein enormes Wohnzimmer, das schlicht, aber teuer eingerichtet ist. An einer Schrankwand lehnt ein großer, schlanker Mann mit Bart in Jeans, kragenlosem Hemd und Weste. Paul Mackenstedt. Er hat ein Glas in der Hand.
„Nabend, Kollege!“, begrüßt er mich.
Ich kenne ihn, ja, aber eher von Bildern in juristischen Zeitschriften. Er ist eine gefragte Kapazität. Georg ist nicht zu sehen, ebenso wenig die Kinder, deren Jacken an einer kleinen Garderobe im Flur hängen. Lena ist hinter mir hereingekommen, sie verschwindet jedoch nach rechts durch eine Tür in die Küche. Ich überlege, ob ich Paul mit Handschlag begrüßen soll, lasse es aber, sondern wünsche ihm nur einen guten Abend.
„Freut mich zutiefst“, sagt er, und prostet mir mit dem Glas zu, es scheint Cognac zu sein oder Whisky.
„Ein edles Haus“, sage ich, um eine Unterhaltung anzufangen.
Paul zieht eine Augenbraue nach oben und flüstert: „Ja, aber mir ist es zu protzig.“
Mir gefällt es: Die Zimmerdecke ist hoch, ringsum mit Stuckblüten und Akanthusblättern verziert, in der Mitte hängt ein schmiedeeiserner Leuchter. Unter meinen Füßen schimmert im Fischgrätmuster verlegtes Eichenparkett. Vor der ausladenden, bodentiefen Fensterfront zum Garten steht eine Sitzgarnitur, dort bedeckt ein seidener Kelim den Boden. Es hängt nur ein einziges Bild an den Wänden – abstrakte Kunst, soweit ich weiß, ein Original, aber den Namen des Künstlers habe ich mir nicht gemerkt.
„Willst du was trinken?“, fragt Paul. „Der Hausherr hat einen feinen Single Malt zu bieten, den er selbst gar nicht mag.“
Er schenkt mir ein Glas ein, ohne meine Antwort abzuwarten, und hält es mir hin. Wir stoßen an, dann geht die Küchentür wieder auf.
„Schön, wenn sich meine Gäste so zu Hause fühlen“, sagt Georg, jetzt in Jeans und T-Shirt. „Gib mir ein Glas Rotwein.“
Paul weiß offenbar hier Bescheid, denn er nimmt lässig eine Flasche vom Schrank, findet ein Glas und gießt ein.
„Ihr kennt euch, nehme ich an?“, fragt Georg.
„Natürlich“, antwortet Paul, „es ist völlig unmöglich, mich nicht zu kennen.“
Er sagt das, ohne eine Miene zu verziehen. Ich habe keine Ahnung, was ich darauf antworten soll, und nippe an dem Whisky. Georg hebt sein Glas und nimmt dann einen Schluck. Eine seltsame Stille setzt ein, die von Lena durchbrochen wird, die mit einer großen Salatschüssel hereinkommt, die sie auf dem gewaltigen Esstisch abstellt.
„Georg wollte grillen, aber es ist doch nicht das passende Wetter dafür“, sagt sie und fügt hinzu, dass ein Gewitter aufziehen soll.
Ich sehe nach draußen, hinter den Fenstern und der Terrasse liegt ein gewaltiger Rasen, eingegrenzt von großen Rhododendren, Tannen und, in der Dämmerung eben noch zu erkennen, einer hohen Mauer. Der Himmel darüber ist tiefblau, es wäre ein toller Frühlingsabend, aber der Wind streicht um die Hausecke und lässt das junge Laub der Büsche erschaudern. Eine Tür nach draußen steht offen, die Luft kommt kühl herein.
Der Duft von gebratenem Fleisch macht sich aus der Küche breit. Ich merke, dass ich Hunger habe. Lena verteilt Teller und Besteck auf dem Tisch, ich biete Hilfe an.
„Ooh, das schaffe ich schon“, sagt sie und lächelt.
Gleich darauf ist sie wieder in der Küche verschwunden und ich sehe ihr sehnsüchtig nach. Ich traue mich aber nicht, ihr hinterherzulaufen.
„Will Jo heute auch kommen?“, erkundigt sich Paul.
„Ja, hat er versprochen“, sagt Georg.
Paul hebt abwehrend die Hände, grinst dann: „Na, ich werde es überleben.“
„Du kannst dich wohl mal zusammenreißen“, antwortet Georg und kneift die Brauen zusammen.
Wir reden dies und das, dann taucht plötzlich ein Mann im schwarzen Anzug mit schulterlangen Haaren, randloser Brille und Vollbart in der offenen Terrassentür auf – Johann Lämmer, von wo auch immer er gekommen ist.
„Hallohalli zusammen“, ruft er albern und macht eine Verbeugung. Gleichzeitig ertönt der Gong in der Diele. „Oh“, sagt Johann, „bemüht euch nicht. Das ist nur Ricci, ich werde ihm die Tür selbst aufmachen.“ Er marschiert ohne Weiteres durch den Raum und zur Eingangstür, um zu öffnen.
„Ricci“, höre ich die Stimme der rothaarigen Venus, denn sie ist ebenfalls zur Tür gegangen, „dich habe ich ja ewig nicht gesehen.“
Eine volle Männerstimme antwortet: „Mein Schatz, ich würde ja öfter herkommen, aber dein Mann ist doch immer dabei.“
Sie kommt mit Johann Lämmer und einem anderen wieder herein. Es muss Richard Stracke sein, der Vierte von MHSL und der Einzige, den ich bisher nicht persönlich kennengelernt habe. Er ist kleiner und fülliger als die drei anderen, kommt direkt auf mich zu, reicht mir die Hand und fragt, ob ich Erik bin.
„Georg hat von dir erzählt. Wir sind ja sogar hier, um dich kennenzulernen, wenn ich das richtig verstanden habe.“
Georg legt mir die Hand auf die Schulter. „Ricci muss immer so übertreiben. Andererseits – sie sind alle gespannt auf dich.“
Ich sehe mich umstellt von vier Juristen, alle auf ihre Weise berühmt. Alle sehen mich an.
Und dann ist da Lena, die mich mit dem Ruf „Essen ist fertig“ erlöst.
Nach der üppigen Mahlzeit sitzen wir beim Kaffee an dem großen Esstisch.
Lena fragt Paul: „Warum ist Hilde nicht mitgekommen?“
Er winkt ab. „Keine Ahnung. Ein Konzert eines Meisterschülers oder so was.“
Seine Frau ist...