Kapitel I: Umreißt in wenigen Zeilen die Geschichte einer französischen Familie von 1789 bis auf den heutigen Tag
Unter dem Schatten von Saint-Sulpice erhebt sich zwischen einem grünen, moosbewachsenen Hof und einem schmalen Garten, in dem trotz der hohen, eng zusammenstehenden Gebäudeteile noch immer zwei große Kastanienbäume ihre kahlen Äste emporrecken, das dreistöckige Herrenhaus der Familie d’Esparvieu. Dort lebte zwischen 1825 und 1857 das bedeutendste Mitglied der Familie, Alexandre Bussart d’Esparvieu, Vizepräsident des Staatsrats zu Zeiten des Juliregiments, Mitglied der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften sowie Verfasser desEssays über die zivilen und religiösen Institutionen der Völker, einem drei Oktavbände umfassenden Werk, das leider unvollendet blieb.
Dieser ungewöhnliche Vordenker einer liberalen Monarchie gab sein aus Blut, Wohlstand und Ruhm bestehendes Erbe weiter an Fulgence-Adolphe Bussart d’Esparvieu, Senator des Zweiten Kaiserreichs, der sein Vermögen nicht nur dem Erwerb von Ländereien verdankte, auf denen später die Avenue de l‘Impératrice verlief, sondern auch einer bemerkenswerten Rede zugunsten der weltlichen Macht der Päpste.
Fulgence hatte drei Söhne. Der älteste, Marc-Alexandre, war der Armee beigetreten und machte dort eine glänzende Karriere: Er war ein guter Redner. Der zweite, Gaétan, bei dem sich keine spezielle Begabung feststellen ließ, lebte die meiste Zeit auf dem Land, ging jagen, züchtete Pferde und frönte der Musik und der Malerei. Der dritte, René, von Kind an für den Beruf des Richters ausersehen, legte sein Amt vorzeitig nieder, um bei den Ferry-Dekreten nicht Partei gegen die bestehende religiöse Ordnung ergreifen zu müssen. Später, als er in der Präsidentschaft des Monsieur Faillières eine Rückkehr zu den Tagen des Decius und des Diokletian erkannte, stellte er all sein Wissen und seinen Eifer in den Dienst der verfolgten Kirche.
Vom Konkordat des Jahres 1801 bis hin zu den letzten Jahren des Zweiten Kaiserreichs nahmen alle Esparvieus an der heiligen Messe teil, um ein gutes Beispiel abzugeben. Obgleich sie in der Tiefe ihres Herzens Skeptiker waren, betrachteten sie die Religion doch als Herrschaftsinstrument.
Marc und René waren die ersten ihres Geschlechts, die so etwas wie aufrichtige religiöse Hingabe an den Tag legten. Der General, als er noch ein Oberst war, hatte sein Regiment der Kathedrale Sacré Coeur anvertraut und übte seinen Glauben mit einer selbst für einen Soldaten bemerkenswerten Inbrunst aus, so wie wir ja wissen, dass die Tochter des Himmels, die Frömmigkeit, sich die Herzen der Generäle der Dritten Republik oft zur bevorzugten Wohnstatt erwählte.
Glaube ist immer im Wandel begriffen. Während der alten Ordnung fanden sich die Gläubigen unter dem gemeinen Volk, nicht aber bei der Aristokratie oder der gebildeten Mittelschicht. In der Zeit des Ersten Kaiserreichs war die gesamte Armee, vom ersten bis zum letzten Mann, völlig religionslos. Heute glaubt das gemeine Volk an gar nichts mehr. Die Mittelschicht wäre gerne gläubig, und manchmal gelingt es ihr, so wie es auch Marc und René d’Esparvieu gelang. Ihr Bruder Gaétan hingegen, der Edelmann vom Lande, brachte es nicht fertig, sich zu einem Glauben zu bekennen. Er war Agnostiker, was ein von neuzeitlichen Menschen gern gewählter Begriff ist, um die abscheuliche Bezeichnung Freidenker zu vermeiden. Er bekannte sich auch offen dazu, Agnostiker zu sein und handelte damit dem ratsamen Brauch zuwider, ein solches Geständnis besser für sich zu behalten.
Das Jahrhundert, in dem wir leben, kennt so viele Forme