1. Kapitel ( Frühling 2001 )
Großvater Teso hob seinen Blick. Einen kurzen Moment lang schloss er die Augen. Er wartete auf ein Bild, dass sich unter seinen Augenlidern entfalten sollte, aber es kam nichts, nichts dem er Bedeutung beimessen konnte. Da war nur Dunkelheit, Leere, sein inneres Auge wurde in einen Teer farbenen Strudel gezogen, in einen Sog fragwürdiger Tiefe.
Vergeblich suchte er irgendeinen Ausweg, ein Licht, ein Zeichen, doch die erwarteten Bilder
blieben aus, seine Vorstellungen eines erleuchtenden Momentes verebbten in grauen Nebeln.
Mit einem kurzen Stoßseufzer auf den Lippen, der fast wie ein Schluchzen klang, öffnete er die Augen, sein Blick glitt aus dem Fenster, fiel auf die grauen Steinmauern des kleinen Hauses, das seinem ältesten Sohn gehört hatte und nun, seit dem ebenso tragischen wie rätselhaften Tode seines Sohnes Ernesto von seiner Schwiegertochter Capira und seiner Enkelin Wellis bewohnt wurde.
Wohnen? Großvater Teso berichtigte seinen gedachten Satz.
Das, was sich Tag und Nacht im grauen Haus abspielte, konnte er wahrlich nicht als Wohnen bezeichnen. Die körperlichen und seelischen Schmerzen seiner Enkelin Wellis bestimmten nicht nur den Tagesablauf seiner blässlichen Schwiegertochter, deren Angesicht stets vor seinem inneren Auge zerfloss, wenn er sich darauf zu konzentrieren versuchte, nicht allein das von Schmerzen bestimmte Leben der neunzehnjährigen Wellis,
nein, es interessierte, irritierte und ängstigte seiner Meinung nach mittlerweile Tausende von Menschen in farbenreichen und differenzier