Ein herber Abend verdrängte die in einem milchigen Schleier untergehende Sonne, die tagsüber nur ein verfrühtes Versprechen oder vielmehr eine Vorwarnung auf den wie üblich brütend heißen Sommer abgegeben hatte. Nun überzog die dunstig-neblige Spätwinterdecke einer früh hereinbrechenden Nacht das Geviert des Steingartens. Es klingelte oder vielmehr es summte vernehmlich und über der Tür blinkte dezent ein bläuliches Licht hinter einem Milchglas, das an die Nachtleuchte eines Spitals gemahnte.Marx hatte sich gerade in der Küche zu schaffen gemacht, wollte aus den noch in einer Umzugsschachtel verstauten Lebensmittelvorräten ein einfaches Nachtessen improvisieren. Vorsichtig hatte er einen sorgsam verpacktenValpolicella, einemRipasso, aus einem polsternden Küchentuch gewickelt und den Korkenzieher hineingedreht. (Da waren Sonja und er stur geblieben: es wurde selber gekocht, keine dieser vorgekochten Industriekotzen aufgewärmt, und wenn man selten einmal auswärts essen gegangen war, dann mit Klasse. Er blieb dem Grundsatz auch über Sonjas Tod hinaus treu, auch wenn das Kochen für eine Einzelperson manchmal einen unverhältnismäßigen Aufwand bedeutete. Aber es ging nicht anders, weil er es nicht anders wollte, außerdem hatte er Zeit.)
Etwas verwundert über den ebenso unerwarteten Besuch öffnete er – unbedacht noch immer die Flasche mit Korkenzieher in der Hand haltend – die Tür zum Außenflur. „Marx, caro amico, benvenuto nell'Inferno di Dante!“ Ein rundes, fröhliches Gesicht, lachende Augen unter weiß-grauen, buschigen Augenbrauen erschienen im Türrahmen. Das Haupt von dichtem, fast helmartig schlohweißem Haar bedeckt und – man muss es sagen – die ansehnliche Wampe mit der wohlbekannten Kochschürze bespannt.Bocuse!
Bocuse, eigentlich Roberto Ribaudo, galt jahrzehntelang weit über die Stadt hinaus als der beste Koch. Er hatte eine Handvoll guter Restaurants jeweils ein paar Jahre lang bekocht. An den legendären 1.-Mai-Festen, wo mitMarx und Sonja Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen wurde, rührte er oft die Kellen für sein legendär gewordenes Risotto. Trotz Angeboten aus der Großstadt – und sogar aus dem Ausland – konnte er sich nicht zum Weggehen entschließen. Sein wunderlicher Spitzname stammte aus einem Artikel ausMarx’ Zeitung, aber nicht vonMarx geschrieben, sondern von einer Journalisten-Praktikantin, der seinerzeit für die Berichterstattung zu einem Event im gerade von ihm bekochten Restaurant einfach die Phantasie oder die Allgemeinbildung gefehlt hatte, sich einen anderen Ehrentitel als jenen des Franzosen einfallen zu lassen. Er wurde den Übernamen nie mehr los.Bocuse hatte es nie zu einer Familie gebracht, zu familienfeindlich waren die Arbeitszeiten; und nach der Aktivzeit zurück nach Italien? Als eines der ersten aus Sizilien geflüchteten Migrantenkinder war die alte Heimat unter dem Diktat der neuen Faschisten keine Option mehr. Von Ferienaufenthalten und drei-, viertägigen Einkaufstoure