Homestory, Oktober
Frau Ministerin blickte frohgemut in die Kamera, ganz wie es die Öffentlichkeit und der politische Freund und Feind von ihr gewohnt waren. Das Kinn in die Höhe gereckt, mit hochgezogenen Brauen und strahlendem Lächeln. Das blonde Haar fiel frisch geföhnt und locker auf die schmalen Schultern. Diese steckten heute statt in einem dunkelblauen Blazer über einer hellblauen oder rosa Bluse in einem dem Anlass angemessenen rustikalen Karohemd. Dazu trug Frau Dr. Roswitha Wanninger eine sportliche Leinenhose und flache Schuhe. Ihr Gatte hielt sich vornehm im Hintergrund. Er überragte seine Frau und die beiden fast erwachsenen Töchter um Haupteslänge und blickte stolz auf die Seinen herab.
Die Ministerin plauderte mit den anwesenden Journalistinnen und Reportern und erzählte freimütig, wie sehr sie sich darauf freue, am Nachmittag auf dem nahen Golfplatz an ihrem Handicap zu arbeiten. Am Abend wollte sie mit Mann und Töchtern einen langen Spaziergang über die ausgedehnten Wiesen und Felder unternehmen, die ihr Vater über die Jahre in den Besitz der Familie gebracht hatte. Das Anwesen hatte nichts gemein mit der bayerischen Hofstelle, die der Alte in den fünfziger Jahren von einem studierten, aber praxisuntauglichen Agrarökonomen aus Westfalen übernommen und dann mit Fleiß und Willenskraft auf Vordermann gebracht hatte. Heute gehörte der Vater der Ministerin zu den vermögendsten Landwirten Oberbayerns. Dass ein Spross der Familie in die Politik ging und im fernen Berlin den Interessen der Milch- und Ackerbauern eine starke Stimme gab, war logische Folge dieser Erfolgsstory.
Bevor die Ministerin in ihre Golfkleidung wechseln und ein paar Bälle schlagen konnte, musste der generalstabsmäßig vorbereitete Fototermin über die Bühne gebracht werden. Schließlich hatte der Herrgott vor das Vergnügen die Arbeit gestellt.<