Menschlichkeit heißt, die Umwelt in die
Köpfe zu holen
Vier Menschen aus unmittelbarer Nachbarschaft, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, trafen sich an einem schönen Sommerabend zur Vorbereitung auf ein gemeinsames Abendessen. Jeder der vier ging abends mit diversen Ängsten oder Freuden ins Bett und wachte mit verschiedenen Aufgaben für den kommenden Tag wieder auf. Und dennoch herrschte an diesem Abend eine friedliche Stimmung.
Die vier Freunde, sie hatten sich mit jedem Treffen etwas mehr angefreundet, zwei Männer und zwei Frauen, hatten frische Pasta zubereitet aus Wasser, Mehl, Salz sowie Eiern. Von jeder Zutat etwas, und es war seinem Freund gelungen, sich in fremder Küche ohne Verletzungen der Prozedur der Zubereitung zu widmen. Der Teig war gelungen. Die Zutaten waren ihm von den anderen gereicht worden. Ob er Zucker oder Salz nutzte, war in seinem Fall eine Frage des Geschmacks und Vertrauens, denn er konnte nichts sehen, aber in besonderer Weise schmecken, riechen, tasten, hören und denken.
Das Abmessen des Wassers gelang ihm, wie immer, mit einem Finger im Glas, genau in der richtigen Höhe, um eine Überfüllung des Behältnisses zu verhindern. Er hatte viele dieser Tricks auf Lager, und ihm zuzuschauen, mit welcher Sicherheit er sich mit seinem weißen Langstock im Quartier bewegte, war ein Vergnügen. Das Instrument zur Orientierung diente anderen wiederum als Zeichen, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Der begabt Sehende beobachtete ihn oft aus dem Kaffeehaus am Platz.
Für viele andere Handlungen kam ihm sein erweitertes Gehirn mit den verschiedensten Anwendungen zu Hilfe, oft einfach App genannt. Eine dieser technischen Algorithmen beschrieb nach einem Foto, das mit einem intelligenten Telefon gemacht wurde, als sogenannte Erkennungshilfe eine Person mit ihren Merkmalen.
Der verblüfft Sehende wurde fehlerhaft um sechs Jahre jünger geschätzt, aber zu seinem Bedauern als neutral aussehend. So hätte er sich natürlich selbst nicht beschrieben. Er hatte ein bestimmtes Bild von sich abgespeichert, wahrscheinlich wie die meisten seiner Mitmenschen. Genauso hatte er sich Bilder der Menschen, die ihm bisher begegnet waren, gemacht. Mit diesen Bildern im Kopf sah man seine Mitmenschen in bestimmten Kategorien, häufig unter Nutzung allgemeinster Begriffe. Damit beging er sicherlich auch Fehler, indem er dem Gesehenen häufig nicht zu