Kapitel 1
Als mir der Stift aus der Hand glitt, kam ich langsam wieder zu mir. Ich starrte auf das Blatt auf meinem Schreibtisch. Wie immer wusste ich nicht, was die Zeilen bedeuteten. Die Runen, die ich zu Papier gebracht hatte, konnte niemand außer ein Alchemist im Rausch entschlüsseln.
Tief in mir verspürte ich den Drang, sofort ins Labor zu rennen, doch ich kämpfte dagegen an.
Es war schon nach Mitternacht. Nur das schwache Licht der Schreibtischlampe erhellte mein Zimmer. Dieser bescheuerte Rausch hatte mir bereits genug Schlaf geraubt. Was auch immer die Runen bedeuten, es konnte bis morgen warten.
Ich stopfte mein Notizbuch in meine Tasche und pfefferte sie in die Ecke, obwohl es meine Finger danach juckte, sie mir über die Schulter zu werfen und mich auf den Weg ins Labor zu machen. Aber es war nicht das erste Mal, dass ich gegen meine Gabe ankämpfen musste. Inzwischen war ich stärker. Meistens zumindest.
Auch als ich im Bett lag, ließ der Drang nicht nach. Doch ich hatte gerade erst einen Rausch gehabt, den ich nicht absichtlich heraufbeschworen hatte. Fürs Erste war ich stärker. Es dauerte nicht lange, bis die Erschöpfung überwog, und ich einschlief.
Als der Wecker klingelte, hatte ich das Gefühl, es wären erst ein paar Sekunden vergangen, obwohl helles Tageslicht durch die Lücke zwischen meinen blauen Vorhängen fiel. Sofort setzte der Drang, möglichst schnell ins Labor zu kommen, wieder ein und trieb mich aus dem Bett. Ich schaltete den Alarm meines Cores aus und ließ ihn an das Armband an meinem Handgelenk schnappen. Sofort synchronisierte sich das Gerät mit dem Armband und teilte mir mit, dass meine Schlafqualität heute Nacht schlecht gewesen war. Da wäre ich auch ohne den Mini-Computer draufgekommen. Gähnend zog ich ein paar Klamotten aus dem Schrank und machte mich auf den Weg ins Badezimmer. Heute würden mich wieder tiefe Augenringe durch den Tag begleiten.
»Guten Morgen, Schlafmütze!« Ich hatte mich kaum an den Küchentisch gesetzt, als meine beste Freundin Mandy mir einen Teller mit Waffeln hinstellte. Mandy gehörte zu den wenigen Menschen, die morgens um sechs putzmunter aus den Federn hüpften. Pfeifend holte sie den Ahornsirup aus einem der hellgelben Küchenschränke und stellte ihn auf den Tisch.
Sie ließ sich mir gegenüber auf ihren Stuhl fallen und schob mir eine Tasse Kaffee zu, auf der in bunten BuchstabenDon’t worry, trust in magic stand. Alle unsere Tassen verkündeten ähnliche Weisheiten. Überhaupt konnte man in der ganzen Küche ihren Geschmack sehen. Alles war bunt und hell, freundlich, einladend. Mein Zimmer dagegen war eher spartanisch eingerichtet. Mit Dekokram konnte ich nicht viel anfangen.
Sie legte den Kopf schief und strich sich eine leuchtendrote Haarsträhne hinters Ohr. »Du siehst genervt aus. Was ist los?«
Bevor ich antwortete, nahm ich erst mal einen großen Schluck Kaffee. »Ich hatte gestern Abend noch einen Rausch. Habe nicht viel geschlafen.«
Mitfühlend verzog sie das Gesicht. »Blödes Timing. Aber im Gegensatz zu mir erfindest du ständig coole Sachen. Ich prophezeie nur völlig irrelevante Dinge.«
Über meinen Teller hinweg warf ich ihr einen bösen Blick zu. Sie wusste genau, dass ich viel lieber Medium als Alchemistin gewesen wäre. Genau wie ich wusste, dass sie lieber Alchemistin als Medium wäre.
»Meine letzten sogenannten Erfindungen bewirkten nur kleine Verbesserungen bereits existierender Sachen. Nicht gerade weltbewegend.« Ihre Faszination für Alchemie hatte ich noch nie verstanden. Selbst als wir klein waren, lange bevor unsere Gaben erwacht waren, wollte ich immer nur Medium werden. Die Magie hatte sich mit uns beiden einen schlechten Scherz erlaubt.
Mandy verzog das Gesicht und stützte das Kinn auf die Hand. »Aber trotzdem. Alchemie ist so viel interessanter als Weissagungen.«
Dieses Gespräch hatten wir schon