: Oliver Georgi, Martin Benninghoff
: Soundtrack Deutschland Wie Musik made in Germany unser Land prägt
: Edition Michael Fischer
: 9783745904604
: 1
: CHF 25.30
:
: Biographien, Autobiographien
: German
Musik als Spiegel unserer Gesellschaft Musik aus Deutschland war noch nie so vielfältig wie heute: Das sind Legenden wie Peter Maffay, Marius Mu?ller-Westernhagen, Fanta 4, Reinhard Mey, Klaus Meine oder Urgestein Heino, aber auch die junge Generation - etwa Judith Holofernes, Felix Jaehn, Fynn Kliemann, Adel Tawil oder Silbermond. Gemeinsam haben sie alle eines: Ihre Musik spiegelt unsere Gesellschaft wider, große Themen wie Heimat, Wiedervereinigung, Fremdenhass oder Emanzipation finden sich in ihren Liedern. Und genau daru?ber sprechen sie mit den beiden Autoren, den FAZ-Redakteuren Oliver Georgi und Martin Benninghoff. 'Soundtrack Deutschland' vereint 23 große Stars der hiesigen Musikszene, 23 sensibel wie klug gefu?hrte Interviews geben tiefe Einblicke in die Gedanken der Ku?nstler zu unserem Land.

Martin Benninghoff und Oliver Georgi sind nicht nur Redakteure bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie sind auch selbst Musiker und bestens vernetzt in der Welt der Musiklegenden und Deutschpopstars. Soundtrack Deutschland ist ihr erstes gemeinsames Buch.

Break I

The Punk ofToday

Pop, Punk und Rock waren einmal das Medium der Provokation und des Aufbegehrens der Jugend gegenüber dem Establishment. Was ist davon übrig geblieben, und welche Rolle spielt Gangsta-Rap?

Wie leicht es doch früher war, die Öffentlichkeit in Wallung zu bringen. Als die damals vierundzwanzigjährige Nina Hagen am 9. August 1979 zum herrlich drögen Thema »Was ist los mit der Jugendkultur?« im österreichischen Fernsehen in der Talkshow »Club 2« die besten Masturbationsstrategien an der eigenen schwarzen Lederhose vorführte und durch die Hose andeutete, wie Frauen über direkte Stimulation der Klitoris zum Orgasmus kommen(»in front of … is the point of woman sex«), zog die Ungeheuerlichkeit wochenlange Diskussionen nach sich und die Redaktion erstickte in kritischen Briefen(»sittliche wie geistige Bankrotterklärung«).

Wo ist der Skandal?, fragt man sich heute. Mit Masturbationshandgriffen sollte es zwar immer noch gelingen, für hohe Einschalt- und Klickquoten zu sorgen, das lässt sich ja heutzutage besser messen denn je. Allerdings dürfte sich die Aufregung in Grenzen halten. Wahrscheinlich würde ein solches Video, bei YouTube hochgeladen und bei Instagram geteilt, für einen kurzen Aufmerksamkeitshype raketengleich abheben, um danach in der Vielzahl ähnlicher und noch viel drastischerer »Provokationen« zu verglühen. Andererseits hagelt es schnell Shitstorms, wenn man ein falsches Wort sagt oder eine saloppe Bemerkung macht. Zwischen Lethargie und Hysterie liegt ein schmaler Grat.

Die Frage ist eng verbunden mit Musik, vor allem mit der Pop- und Rockmusik, die von Anfang an ein Medium der Provokation und Identitätsfindung war und deshalb schnell zum Ausdrucksmittel der Jugend avancierte, egal, ob sich Teenager Elvistollen frisieren ließen oder sich Ketten mit Vorhängeschlössern um den Hals legten, damit sie ihrem Idol Sid Vicious von den Sex Pistols nacheifern konnten. Rockmusik sollte die Eltern schocken oder sie zumindest herausfordern, ganz anders als bei der klassischen Musik oder dem Jazz, dem Soundtrack der eher Älteren und Gesetzten. Das Tragen eines Nirvana-T-Shirts war für Teenager in den Neunzigerjahren auch das Bekenntnis zur Melancholie und zur Verweigerung in einer Elterngesellschaft, die immer mehr Leistung einforderte: Ich nehme mir heraus, schlecht drauf zu sein, egal, was ihr von mir erwartet, so wie es Kurt Cobain getan hätte. Wer sich heute allerdings in ein Nirvana- oder Type-O-Negative-Shirt wirft, trägt entweder noch seine alte Garderobe auf oder hat es frisch im Modegeschäft oder gar beim Discounter erstanden. Die einstigen Heiligen der Popkultur werden längst auf dem Grabbeltisch der Kommerzialisierung verramscht.

Das ursprünglich progressive Element der Popmusik – die Grenzverschiebung – ist vielleicht ihr charakteristischstes Merkmal nach dem Zweiten Weltkrieg. Um beim Sex zu bleiben: Das Thema hat Liedermacher und Komponisten zuvor ja kaum weniger interessiert als die Künstler heute. Das berühmt-berüchtigte »Donaulied«, das es allein aus dem 19. Jahrhundert in mehreren Textfassungen gibt, handelt von einem Mann, der sich am Donauufer über ein schlafendes Mädchen hermacht. Solche teilweise sogar gewalttätigen Männerfantasien waren nie auf Freiheit gemünzt, zumindest nicht auf die Freihei